Samstag, 21. Februar 2026

Zeit, Uhrzeit, Weltzeit. Die Kurzfassung meiner Zeittheorie

zuletzt geändert im Mai 2026

Der Begriff "Zeit" wird in unterschiedlichen Bedeutungen und Zusammenhängen verwendet.   Ich spreche hier von der Zeit als Maßeinheit, von der auch gesagt wird, dass sie gemessen wird. Sie wird meist als objektive  oder physikalische Zeit bezeichnet.

1. Historischer Rückblick auf Zeittheorien der Neuzeit

Isaac Newton (1642 - 1727): Raum und Zeit existieren eigenständig so wie andere Dinge. Gäbe es in der Welt keine anderen Dinge, so gäbe es immer noch Raum und Zeit. Diese Auffassung wird als Sustantialismus bezeichnet. "Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf äußere Gegenstände."

Gottfried Wilhelm Leibniz ( 1646 - 1716): Raum und Zeit bestehen in den Relationen zwischen den Dingen (Relationismus). Da es keinen absoluten Raum gibt, ist Bewegung relativ.

Immanuel Kant (1724 - 1804): Raum und Zeit sind angeborene Formen unseres Denkens und Erkennens ("Kategorien a priori")

2. Die Zeit

Ursprünglich und allgemein ist Zeit eine endlose, virtuelle Skala im Verstand, in die wir alle Ereignisse einordnen. Für die Physik welche die Abstände in der Aufeinanderfolge von Ereignissen misst, kann man die Skala präzisieren: Zeit ist das Maß der Dauer zwischen Ereignissen. Die lineare Zeitskala ist dem Verstand angeboren als grundlegende Form des Denkens und Erkennens.

Das ursprüngliche Zeitmaß der frühen Menschheit ist der Tag, bedingt durch den täglichen Lauf der Sonne. Infolge der evolutionären Entwicklung des Verstandes und des wissenschaftlichen Fortschritts ist in der Physik die Sekunde als Maßeinheit international exakt definiert.

In der Geschichtswissenschaft (auch in der Geowissenschaft und in der Kosmologie) wird die Zeitskala als  Kalender bezeichnet und die Ereignisse in dieser Form aufgezeichnet.  

3. Der Fluss der Zeit

Die Zeit fließt nicht und vergeht nicht, denn sie ist ein Maßstab (eine Zeitskala) im Verstand. Wir sprechen unzutreffend vom Fluss der Zeit, meinen aber die ständigen Veränderungen, den Fluss der Ereignisse in der Außenwelt, den wir beobachten. Immanuel Kant: "...der Wechsel trifft die Zeit selbst nicht, sondern nur die Erscheinungen in der Zeit..." (Kritik der reinen Vernunft).

In der Neuzeit trägt auch der an den Uhren sichtbare Gang der Zeiger zu dem Eindruck bei, dass die Zeit verläuft. Doch die lineare Zeitskala, die unserem Verstand angeboren ist, steht still. Sie ist für eine Dauer von 12 Stunden um das Zifferblatt "herumgewickelt" und wird auf der Uhr sichtbar.

4.  Die Uhr

Weil unser Zeitgefühl nur ungenau ist, benötigen wir eine Uhr, wenn wir in kleineren Einheiten als Tagen messen wollen. Nur eine gleichmäßig gehende Uhr ist als Messgerät geeignet.  Die Funktion der Uhr besteht darin, dass sie die Sekunden (oder kleinere Einheiten) zwischen zwei Ereignissen zählt. Die ursprüngliche Uhr der frühen Menschheit ist die Sonne, die aber in Form der Sonnenuhr nur Stunden anzeigen kann. 

5. Die Uhrzeit

Im Alltag werden Uhren meist verwendet zum Ablesen der Uhrzeit. In der Natur gibt es keine Uhrzeit. Sie ist eine technisch-zivilisatorische Errungenschaft, um innerhalb einer nach politischen und praktischen Gesichtspunkten definierten Zeitzone einheitliche Termine festlegen zu können. 

6. Gleichzeitigkeit

Jeder Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, ist überall in der Welt derselbe. Wäre es nicht so, dann würde die Welt als Ganzes nicht gleichzeitig existieren. Daher ist Gleichzeitigkeit absolut (im Gegensatz zu Einsteins subjektivistischer Definition). Der Augenblick bezeichnet den Zustand der Welt in diesem Augenblick. Wenn jeder Augenblick überall derselbe ist, dann gibt es nur eine Zeit.  

7. Weltzeit

 Auf der realen und absoluten Gleichzeitigkeit beruht die Weltzeit. Vor vielen Jahrzehnten hat man sich auf eine wissenschaftlich-technische Weltzeit (WZ) geeinigt, auch bekannt als Greenwich Mean Time (GMT), Universal Time (UT), auch koordinierte Weltzeit (UTC). Sie ist eine Uhrzeit und umfasst auch die für die Raumfahrt bisher erschließbaren Bereiche. 


Meine ausführliche Theorie der Zeit finden Sie in diesem Blog unter "Theorie der Zeit", veröffentlicht am 16. Juli 2015.


    

Donnerstag, 30. Oktober 2025

Zur Theorie der Zeit

 In meiner Theorie der Zeit (Post vom 16.07.2015) lege ich dar, warum die Zeit eine angeborene Form unseres Denkens und Erkennens ist, so wie es Immanuel Kant (1724 - 1804) lehrt. Die Zeit hat zwei Ursprünge. Zum einen ist es die Fähigkeit des Verstandes, die Ereignisse zu unterscheiden nach vorher/jetzt/nachher. Der zweite Ursprung der Zeit besteht im Wechsel von Tag und Nacht. Dadurch entsteht im Lauf der evolutionären Entwicklung des Verstandes eine Zeitskala aus Tagen, ohne dass uns dies bewusst wird.  Das gleichmäßige Dahinfließen der Tage führt zu der Vorstellung, dass die Zeit gleichmäßig dahinfließt. Aber tatsächlich fließt nicht die Zeitskala und mit ihr die Zeit dahin, sondern die Ereignisse und Veränderungen der Außenwelt bilden einen Verlauf. Den Fluss der Veränderungen und Ereignisse bezeichnen wir unzutreffend als Fluss der Zeit. 

Da unser Zeitgefühl ungenau ist, benötigen wir als Hilfsgerät eine Uhr, sobald wir kleinere Zeiteinheiten als Tage verwenden wollen. Mit  Hilfe von Uhren sind wir in der Lage, zum Beispiel Sekunden auf der Zeitskala abzuzählen. Die Zeitskala auf der Uhr ist real, anders als die virtuelle Zeitskala im Verstand. Die Verwendung von Uhren wiederum unterstützte den Irrtum, die Zeit sei ein physikalisches Ding, das man messen kann.  Aber tatsächlich messen wir anhand der Zeitskala nicht die Zeit, sondern den Abstand in der Aufeinanderfolge von Ereignissen, also das was seit G.W.Leibniz als Zeitrelationen bezeichnet wird. Die Zeit ist das Maß,  die Dauer ist das zu messende. Kurz gesagt:  Zeit ist das Maß der Dauer. 

Nachtrag vom Mai 2026: In der Neuzeit trägt auch der an den Uhren sichtbare Gang der Zeiger zu dem Eindruck bei, dass die Zeit verläuft. Doch die unserem Verstand angeborene lineare Zeitskala steht still. Sie ist nur für die Dauer von 12 Stunden um die Uhr "herumgewickelt".   

Freitag, 10. Januar 2025

Ergänzung zur Philosophie des Raumes

 Das  Wort "Raum" wird in vielen unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Zum Beispiel sprechen wir von Räumen in einem Haus, vom Raum als geografischem Begriff, vom Rauminhalt eines Behälters. Im naturphilosophischen Zusammenhang geht es vor allem um drei Bedeutungen von Raum.

1. Mathematische Räume

In der Mathematik sind beliebige Räume konstruierbar, ob mit geradlinigen oder gekrümmten Koordinaten, ob mit drei oder mehr Dimensionen. Wer glaubt,  nur eine bestimmte dieser komplizierten mathematischen Konstruktionen sei ein Abbild der realen Außenwelt, der irrt. Die Wirklichkeit lässt sich mit jeder Form von mathematischen Räumen darstellen. Mit anderen Worten: Gedanklich bzw. mathematisch lässt sich die Wirklichkeit beliebig strukturieren. Aber mathematische Gedankenspiele haben etwas Beliebiges und werden daher der Wirklichkeit meist nicht gerecht. Beispiele dafür sind der gekrümmte Raum in der Relativitätstheorie oder vieldimensionale Welten in der Kosmologie. Auf der anderen Seite war die Erfindung der nichteuklidischen, gekrümmten Geometrie im 19. Jahrhundert ein großer Fortschritt in der Mathematik. Es ist durchaus sinnvoll, eine Kugeloberfläche mit gekrümmten statt mit geradlinigen Koordinaten zu beschreiben. 

2. Der Raum in der Außenwelt

Im Raum der Außenwelt existieren alle realen Dinge der Welt. Der äußere Raum ist virtuell, weil er nicht real existiert. Isaac Newton glaubte, der Raum existiere real, so wie andere Dinge existieren. Gäbe es in der Außenwelt keine Dinge, so gäbe es nach Newton immer noch den Raum (und die Zeit). Im Gegensatz zu Newton glaube ich, dass es in der Außenwelt nur die realen Dinge (und Energie) gibt. Gibt es die Dinge nicht, so gibt es nichts. Daraus folgt: der Raum ist nichts. 

3. Der wahre Raum

Seit Immanuel Kant weiß man, dass der Raum (wie die Zeit) eine angeborene Form unseres Denkens und Erkennens ist. Drei geradlinige Dimensionen, mehr ist nicht notwendig, um die Position eines Dinges zu beschreiben. Nur in dieser Form des Raumes erkennen wir von Natur aus die Außenwelt, erkennen wir die Größe und Position der Dinge. Nur im dreidimensional geradlinigen Raum erkennen wir die Form eines Gegenstandes. Ohne unser bewusstes Zutun projiziert der Verstand ein dreidimensional geradliniges Koordinatensystem auf die Außenwelt, sodass wir uns besser orientieren können. Um die Außenwelt zu erkennen, benötigen wir keine gekrümmten und multidimensionalen Räume. Die Natur hat den einfachsten Weg für uns gewählt.

Donnerstag, 22. August 2024

Theorien über die physikalische Zeit

 A. Relativistische Theorien 

1. Der Zeitbegriff in Einsteins spezieller Relativitätstheorie von 1905 kann wie folgt beschrieben werden:

"Zeit ist das, was wir von der Uhr ablesen. Zeit ist relativ, weil mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegte Uhren unterschiedlich gehen."

Dabei ignoriert man, dass Einstein in seinem Text von 1905 zunächst anhand von Gedankenexperimenten ausführlich beschreibt, warum Zeit und Gleichzeitigkeit relativ sind. Beobachter lesen von unterschiedlich bewegten Uhren unterschiedliche Zeiten ab, weil die Lichtlaufzeiten zwischen Uhr und Beobachter wechseln. Aus demselben Grund wird ein bestimmtes Ereignis von unterschiedlich bewegten Beobachtern zu unterschiedlichen Zeiten wahrgenommen. Damit ist aber die Relativität ein leicht erklärbarer Scheineffekt. Zeitreisen, Zwillingsparadoxon und damit die ganze Theorie sind hinfällig. 

Statt dessen glaubt man irrtümlich, die Relativität sei real, weil mathematisch bewiesen. In § 3 seines Textes legt Einstein aber nur dar, nach welcher mathematischen Regel sich die von ihm bereits vorausgehend  definierte Relativität richtet. Es ist der sogenannte Lorentz-Faktor. Einstein verzichtet bei diesen mathematischen Darlegungen auf Beobachter, indem er mit zwei unterschiedlich bewegten Koordinatensystemen arbeitet. Aber stillschweigend erhält eines der beiden Koordinatensysteme die Rolle des Beobachters zugewiesen, was in dem komplizierten Text nicht auffällt. Daher ist der Glaube verbreitet, die Relativität habe nichts mit der Lichtlaufzeit zwischen Objekt und Beobachter zu tun, sondern sei ein mathematisch bewiesener realer Effekt.

Dass Einstein die Relativität der Zeit als realen Effekt auffasst, hat noch einen weiteren Grund, den er in seinem Text nicht erwähnt. Der junge Einstein war stark beeinflusst von der Erkenntnistheorie des Physikers und Philosophen Ernst Mach (1838 - 1916). Dieser vertrat eine besondere Ausprägung der positivistischen Erkenntnistheorie, nämlich den Sensualismus (damals bekannt als "Empiriokritizismus").   Dessen Motto lautet: "Die Beobachtung ist unsere einzige Wirklichkeit." Deshalb war für Einstein, jedenfalls im Jahr 1905, klar: Die relative Zeit ist ein wirklicher Effekt, und Zeitreisen sind möglich. - Das mag uns heute als naiv erscheinen, und tatsächlich gilt diese Erkenntnistheorie längst als überholt. Aber nicht nur Einstein, sondern große Teile der damaligen Wissenschaft nahmen den Sensualismus ernst. Für Ernst Mach, damals eine erstrangige wissenschaftliche Autorität, erscheint ein ins Wasser getauchter Stab nicht gekrümmt, sondern er ist gekrümmt.

 

2. Die Raumzeit

Der in Göttingen lehrende Mathematiker Hermann Minkowski (1864 -1909) hatte die Idee, die Effekte aus Einsteins spezieller  Relativitätstheorie in Raum-Zeit-Diagrammen darzustellen. Damit verknüpfte er den Gedanken, dass Raum und Zeit identisch und miteinander austauschbar seien. Damit war die Raumzeit geboren. Jedoch ist diese Verwechslung von Mathematik und Wirklichkeit weder physikalisch noch philosophisch begründet.  Auf  Betreiben von Max Planck wurde  die Raumzeit zum Bestandteil der Relativitätstheorie erklärt. Siehe hierzu meinen Artikel "Kritik der Raumzeit" vom 13. März 2011.

Der Begriff "Raumzeit" wurde bereits 1901 durch den Philosophen Melchior Palagyi verwendet, allerdings nicht im Zusammenhang mit der Relativitätstheorie. Interessant ist sein Kommentar zur Minkowski-Raumzeit: "Mathematik  schützt vor Torheit nicht". 


3. Die Zeit im Mainstream der heutigen Physik

Nach Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie wird die Raumzeit durch Gravitation gekrümmt. Für diese rätselhafte Wechselwirkung zwischen Materie, Raum und Zeit gibt es keine physikalische Erklärung. Die relativistische Physik beschreibt zwar bestimmte mathematische Eigenheiten von Raum, Zeit und Raumzeit, aber sie kann nicht erklären, was Raum und Zeit ihrer Natur nach sind. Glaubt man namhaften  Autoren, dann sind Raum und Zeit heute die großen Rätsel der Physik.

Angesichts dieser Ratlosigkeit greifen einzelne Theoretiker zu dem Strohhalm, zu dem schon Einstein in seinen letzten Lebensjahren gegriffen hat, als ihn berechtigte Zweifel an seinen eigenen Theorien plagten: Die Zeit sei eine Illusion, die uns der Verstand vorspiegelt.


B. Die Alternative

Mit der Relativität hat sich die Physik seit mehr als hundert Jahren auf unrealistische mathematische Gedankenspiele eingelassen. Der Ausweg wäre ein Experiment zur Widerlegung des Prinzips der konstanten Lichtgeschwindigkeit und damit zur Widerlegung der Relativitätstheorie. Die Grundzüge einer neuen realistischen Theorie über Raum und Zeit liegen auf dem Tisch. Sie stützt sich auf Immanuel Kants Lehre von Raum und Zeit sowie auf den Sachverhalt, dass unser Verstand im Lauf der evolutionären Entwicklung durch die Umwelt geprägt wurde. Dadurch erhalten Kants apriorische Kategorien einen Bezug zur äußeren Wirklichkeit.  

1. Raum und Zeit sind keine physikalischen Gegenstände, sondern unserem Verstand angeborene Ordnungssysteme, die im Verlauf der Evolution entstanden sind. 

Der Verstand befähigt uns zu unterscheiden, was vorher/jetzt/nachher geschieht, und er befähigt uns, Zeiteinheiten als Maß anzuwenden.

Der Verstand projiziert ein geradlinig dreidimensionales Koordinatensystem auf die Außenwelt. Mit Hilfe des dreidimensionalen Raumes  erkennen wir die Größen, Abstände, Positionen und Formen der realen Dinge. 

2. Nicht die Zeit fließt dahin (wie es unserem Sprachgebrauch und der angeborenen Vorstellung entspricht), sondern die Welt verändert sich laufend. Am festen Zeitmaßstab messen wir die Dauer und Geschwindigkeit der Veränderungen.

3. Eine logische Verstandeswahrheit: jeder Augenblick, den wir mit "Jetzt" bezeichnen, ist überall derselbe. Wäre es nicht so, dann würde die Welt als Ganzes nicht in jedem Augenblick gleichzeitig existieren. Eine absurde Vorstellung.  Daher ist Gleichzeitigkeit absolut.  

     

Mittwoch, 3. Juli 2024

Inhaltsverzeichnis des Blogs "Was ist Zeit?"


"Wissenschaft besteht darin, Irrtümer loszuwerden." (Karl Popper)


Auflistung der einzelnen Beiträge in zeitlicher Reihenfolge
 
13. März 2011    Kritik der Raumzeit
21. Juli 2012       Rationalismus und Empirismus
5. Jan. 2013        Der Zeitpfeil
26. Jan. 2013      Hat die Zeit eine Geschwindigkeit?
11. Aug. 2013    Ist die Zeit eine Illusion?
13. Aug. 2013    Die absolute Zeit
14. Nov. 2013    Zur evolutionären Erkenntnistheorie
19. Juni 2014     Zeitpunkt, Ereignis, Dauer
9. März 2015      Newton: Raum und Zeit sind absolut
10. März 2015    Leibniz: Raum und Zeit sind Relationen
11. März 2015    Immanuel Kant: Raum und Zeit sind Verstandeskategorien
12. März 2015    Ernst Mach: Die absolute Zeit ist eine metaphysische Idee
13. März 2015    Kant und die evolutionäre Erkenntnistheorie
5. Juli 2015        Diskussion mit Klaus Robra
16. Juli 2015      Theorie der Zeit
12. Juni 2018     Kurze Theorie des Raumes
10. Aug. 2019    Grundlagen der Philosophie von Raum und Zeit
3. Mai 2020       Kurze Abhandlung über Raum und Zeit
29. Nov. 2020    Eine kurze Geschichte der Zeit
13. Aug. 2022    Nicht die Zeit verrinnt - die Welt verändert sich
3. Jan. 2023       Zum Jahreswechsel
21. Apr. 2023    Ein Nachwort, das nicht gedruckt wurde
17.März 2024   Wiedergefunden
21.April 2024   Zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant (22. April 1724)
22. Aug. 2024   Theorien über die physikalische Zeit
10. Jan. 2025     Ergänzung zur Philosophie des Raumes
30. Okt. 2025    Zur Theorie der Zeit


Meine Kritik von Einsteins Relativität der Zeit finden Sie auf www.zeitrelativ.blogspot.de

Wer ein Buch statt des Bildschirms bevorzugt, dem empfehle ich meine Bücher im Verlag epubli:

Luitpold Mayr: Neue Theorie des Raumes und der Zeit. 60 Seiten. 7,99 Euro. 
ISBN 978-3-752981-04-9

Luitpold Mayr: Was ist Zeit und ist sie relativ? (Eine aktualisierte Ausgabe 2019 von "Theorie der Zeit") 120 Seiten, 14,50 Euro, ISBN 978-3-746713-88-5 . Enthält neben der Theorie der Zeit auch die Kritik von Einsteins relativer Zeit.
Warum überhaupt das Angebot als Buch? Das Internet oder mein Blog kann untergehen durch Sabotage, Stromausfall, politische Wirren. Gedruckte Bücher sind beständiger. Sie haben allerdings den Nachteil, dass sie nicht ergänzt werden können.

Sonntag, 21. April 2024

Zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant (22. April 1724)

 (Fußnote hinzugefügt am 22.Dez.2025)

In den zahlreichen Veröffentlichungen zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant wird vielfach die Frage gestellt, was der große Philosoph uns heute noch zu sagen hat, gleich ob es um Frieden, Freiheit, Wahrheit, Moral, Vernunft, Glaube und Hoffnung geht. Kant hätte uns noch mehr zu sagen, wenn wir es nur hören wollten. Nämlich, dass Raum und Zeit angeborene Formen unseres Denkens und Erkennens sind. Dass die Physik um 1900 mit diesen Vorstellungen Kants nichts anfangen konnte, ist nachvollziehbar.  Denn Kants "idealistischer" Philosophie fehlte der Bezug zur realen Welt. Eben die reale Welt, die Materie, ist jedoch Gegenstand der Physik. Auch der Einwand von Philosophen gegen die Relativitätstheorie, Raum und Zeit als Denkkategorien könnten nicht relativ sein, war wenig hilfreich, weil als pauschale Aussage nicht unbedingt zwingend.

Doch in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand die evolutionäre Erkenntnistheorie, deren Grundüberlegung darin besteht, dass auch die Entwicklung des Verstandes im Verlauf der Menschheitsgeschichte durch die Umwelt geprägt wurde. So wie der Huf des Pferdes auf den Steppenboden passt, so passen die apriorischen Kategorien Kants zur Wirklichkeit. Dadurch werden Kants Vorstellungen von Raum und Zeit sozusagen "geerdet" und hängen nicht mehr in der Luft. Dass ausgerechnet Konrad Lorenz (1903 -1989, Nobelpreis 1973), der als "Gänsevater" populär gewordene Verhaltensbiologe, diese epochale Idee hatte, scheint Philosophen und Physiktheoretikern nicht gefallen zu haben. *) Und so träumt die Wissenschaft weiter von mathematischen Phantasiewelten mit Zeitreisen in einer gekrümmten Raumzeit. 

Mein Lieblingszitat von Immanuel Kant: "Wollte man der Zeit selbst eine Folge nacheinander beilegen, so müsste man noch eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre." Dieser wenig bekannte Satz mag etwas rätselhaft klingen. Und doch ist er eine Bestätigung dessen, was Zeit ist. Eine angeborene Form unseres Denkens und Erkennens. Die materielle Welt bewegt und verändert sich ständig. Ohne unser bewusstes Zutun ordnet der Verstand die Bewegungen und Veränderungen in die Zeitskala ein. Dies geschieht, indem der Verstand nach vorher/jetzt/nachher unterscheidet und mit einer festen Maßeinheit arbeitet. Diese Maßeinheit war in der Menschheitsentwicklung ursprünglich der Tag, jetzt ist die Sekunde als physikalische Maßeinheit international exakt definiert.

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*) Darwins Entdeckung der Evolution hat in der Biologie mehr Gewicht als in anderen Naturwissenschaften und in der Philosophie. Daher ist es kein Zufall, dass ein Biologe die Idee hatte, dass auch der menschliche Verstand einer evolutionären Entwicklung unterliegt. Die Überlegung liegt nahe, dass der Mensch nicht aus ursprünglicher Vollkommenheit in den Formen Raum und Zeit denkt, sondern dass unzählige Generationen seiner Vorfahren erst mittels Raum und Zeit die Außenwelt erkannten.     

    

Sonntag, 17. März 2024

Wiedergefunden

In meinen Unterlagen habe ich den folgenden Leserbrief  vom o5. Oktober 2022 an die "Augsburger Allgemeine" gefunden:

Ich halte es für unangebracht, die Relativitätstheorie kindgerecht erklären zu wollen. Kinder sollten nicht mit abstrusen Ideen von Erwachsenen indoktriniert werden, auch wenn diese Ideen im Gewand der Wissenschaft daherkommen. Schließlich geht es in Einsteins Relativitätstheorie nicht um eine neue Erkenntnis über die Natur, sondern um den sinnlosen Plan, variable Maßeinheiten einzuführen. Um die Relativität der Zeit postulieren zu können, hätte Einstein erst einmal eine überzeugende Vorstellung davon haben müssen, was Zeit ihrer Natur nach eigentlich ist. Als Einstein in seinen letzten Lebensjahren zu recht an seinen eigenen Theorien zweifelte, flüchtete er sich in die Idee, die Zeit sei eine Illusion. Letzteres wird heute von manchen Wissenschaftlern und Philosophen als die allerneueste Erkenntnis verbreitet. 

Also, liebe Fernsehleute, Zeitungsmacher und Kinderbuchautoren, verschont bitte die Kinder mit der Relativitätstheorie. Versucht statt dessen, ihnen eine Ahnung davon beizubringen, was der große Immanuel Kant an bleibenden Wahrheiten über Raum und Zeit geschrieben hat.   

Freitag, 21. April 2023

Ein Nachwort, das nicht gedruckt wurde

 Zuletzt ergänzt im April 2024

Erst nach der Veröffentlichung meines kleinen Buches "Neue Theorie des Raumes und der Zeit" im Jahr 2020 bin ich zufällig auf die Aussage von Immanuel Kant gestoßen: "Wollte man der Zeit selbst eine Folge nacheinander beilegen, so müsste man noch eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre."

Dieser Satz ist wenig bekannt, weil er nicht in den grundlegenden Ausführungen Kants über Raum und Zeit zu finden ist, sondern erst an späterer Stelle der "Kritik der reinen Vernunft". Es war für mich eine Offenbarung, das Ergebnis meines jahrelangen Forschens und Nachdenkens über die Zeit durch den großen Philosophen bestätigt zu finden. Nicht die Zeit verläuft, denn sie ist ein festes Maß, sondern die Veränderungen der realen Welt bilden einen Verlauf. Alles fließt, und das Dahinfließen der Welt messen wir am Maßstab der Zeit.   

Auf der einen Seite war ich glücklich über diese Bestätigung meiner Zeittheorie in diesem entscheidendem Punkt durch Immanuel Kant. Denn wer würde mir, dem wissenschaftlichen Außenseiter und Autodidakten glauben, dass die Zeit - entgegen aller gängigen Vorstellungen - nicht dahinfließt? Allerdings beschreibt  Kant die Zeit als reine Verstandeskategorie ohne Bezug zur realen Welt. Daher habe ich die Sorge, dass Philosophen, die nie verstanden haben, was Zeit ist, sich auf Kant berufen, wenn sie die Zeit zu einer Illusion erklären. Dabei unterliegen sie einem doppelten Irrtum. Dass die Zeit stillsteht, bedeutet ja keineswegs, dass die Welt stillsteht (sie nennen dieses Unding ein "Blockuniversum"). Der zweite Irrtum: Wir Menschen mögen vielen Illusionen unterliegen. Aber nicht alle Verstandesprodukte, wie Raum, Zeit, Mathematik usw. sind Illusionen. Vielmehr sind sie Werkzeuge unseres Verstandes.

Dienstag, 3. Januar 2023

Zum Jahreswechsel

 Das Jahr 2022 ist vorbei, und 2023 hat begonnen. Wie soll man angesichts des Jahreswechsels den Leuten erklären, dass die Zeit weder voranschreitet noch dahinfließt?

Nicht die Zeit schreitet voran, denn sie ist eine Skala, ein fester Maßstab. Sondern die Welt verändert sich ständig, von Sekunde zu Sekunde, von Jahr zu Jahr. Das Voranschreiten der Welt messen wir am Maßstab der Zeit, indem wir die Änderungen und Ereignisse in die Zeitskala einordnen. 

Deshalb ist die Frage sinnlos, mit welcher Geschwindigkeit die Zeit verfließt. Sondern mit Hilfe der Zeit stellen wir fest, mit welchen Abständen und mit welcher Geschwindigkeit die Veränderungen und Ereignisse aufeinander folgen. 

Unser Denken und Erkennen ist an die Formen Raum und Zeit gebunden, und zwar ohne unser bewusstes Zutun. Denn die Denkkategorien Raum und Zeit sind uns angeboren, wie Immanuel Kant schon vor mehr als 200 Jahren gelehrt hat. Mit Hilfe der Zeit ordnen wir das Nacheinander der Dinge, mit Hilfe des Raumes ordnen wir das Nebeneinander der Dinge. Auf diese Weise ordnet der Verstand die Außenwelt, sodass wir uns besser zurechtfinden. Was wir auf der Zeitskala dem Jahr 2022 zuordnen, existiert nur noch in unserer Erinnerung. Was jetzt, in dieser Sekunde stattfindet, ist real. Was wir erwarten, ist zukünftig.

Samstag, 13. August 2022

Nicht die Zeit verrinnt - die Welt verändert sich

 "Die Zeit verrinnt, Nacht folgt auf Nacht,

und immer noch die Katze träumt ..."           (Oscar Wilde)


(zuletzt bearbeitet im Dezember 2025)

Dies  ist nur eines von unzähligen Beispielen aus Literatur und Philosophie, in denen das Verrinnen der Zeit geschildert wird. Nach unserer alltäglichen Vorstellung, die jedem von uns als selbstverständlich gilt, fließt die Zeit dahin. Doch die notwendig daraus folgende Frage, mit welcher Geschwindigkeit die Zeit verläuft, kann niemand vernünftig beantworten. 

Manche versteigen sich in ihrer Ratlosigkeit zu der Überlegung, die Zeit sei eine Illusion. Denn die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Zukunft existiert noch nicht, und die Gegenwart sei lediglich die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Solche Gedankenakrobatik übersieht jedoch, dass die Zeit nicht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht, sondern die Zeit befähigt uns dazu, vorher, jetzt und nachher in der realen Welt zu unterscheiden. - Schon Einstein schrieb in seinen letzten Jahren, als ihn Zweifel an seinen eigenen Theorien plagten, die Zeit sei eine Illusion. Das war die logische Konsequenz aus der Relativitätstheorie, nach der die Zeit von der Geschwindigkeit abhängt. Wenn aber in der Welt alles mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in Bewegung ist, dann kann man Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr unterscheiden. 

Die Zeit besteht nicht in der endlosen Abfolge von Tagen und Nächten, sondern wir ordnen und messen diese reale Abfolge am Maßstab der Zeit. Schon Immanuel Kant (1724-1804) hat die Vorstellung der dahinfließenden Zeit verworfen. "Wollte man der Zeit selbst eine Abfolge nacheinander beilegen, so müsste man noch eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre." (Kritik der reinen Vernunft). Damit bekräftigt Kant, dass wir jede Abfolge, jedes Nacheinander, nur anhand der Verstandeskategorie "Zeit" erkennen und beschreiben können. Die Aussage Kants, wonach die Zeit nicht in einer Abfolge besteht, ist kaum bekannt. Ich vermute, dass der Satz, wonach die Zeit nicht aus einer Abfolge besteht und somit nicht verläuft, seinen Schülern und Interpreten derart frappierend und mit der gängigen Vorstellung unvereinbar erschien, sodass sie darüber hinweggelesen haben. (Sollte ich mit dieser Vermutung dem einen oder anderen Kant-Experten unrecht tun, bitte ich um Nachsicht).

Ich gebe zu, der Gedanke wirkt etwas befremdlich und bedarf bewusster Überlegung. Der Blick auf eine gewöhnliche Uhr mit Sekundenzeiger mag dabei hilfreich sein. Der Zeiger symbolisiert nicht den Fortgang der Zeit, sondern ist ein Teil der realen Welt, die sich von Sekunde zu Sekunde verändert. Die Zeit wird dargestellt und abgelesen auf der feststehenden Skala, die nach jeder vollen Zeigerumdrehung wieder bei Null beginnt und dadurch endlos ist. *) 

Für manche Erkenntnisse des großen Philosophen war die Welt um 1800 vielleicht noch nicht reif. Um so mehr trifft dies heute zu, da die Wissenschaft uns erzählt, Raum und Zeit seien physikalische Dinge, die in rätselhaften Wechselwirkungen mit der Materie stünden.

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 *) Das Beispiel mit der Uhr beweist nichts, denn es gibt auch Uhren, bei denen sich die Zeitskala dreht und der Zeiger feststeht. Das Beispiel soll nur helfen, die gewöhnungsbedürftige Vorstellung zu veranschaulichen, dass die Zeit nicht dahinfließt, sondern ein festes Maß ist. Was dahinfließt, sind die ständig wechselnden Veränderungen der realen Welt. 


PS.: Inzwischen bin ich auf ein zu Oscar Wilde gegenteiliges literarisches Zitat gestoßen: "Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen."  (Mascha Kaleko)         





Sonntag, 29. November 2020

Eine kurze Geschichte der Zeit

 Aristoteles (384 - 322) gilt als Begründer der Tradition, die Zeit rational zu erklären. Er definiert die Zeit als die Zahl (oder das Maß) der Bewegung nach dem Früher oder Später. Dagegen kommt der auch heute noch oft zitierte Augustinus (354 - 430) am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss, dass die Zeit ein Rätsel ist.

In der Neuzeit wird die Frage nach dem Wesen der Zeit zunächst in zwei unterschiedliche Richtungen beantwortet. Nach Isaac Newton (1642 - 1727) existieren Raum und Zeit in der gleichen Weise wie andere Dinge. "Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf äußere Gegenstände."  Diese Auffassung wurde von der Nachwelt als Substantialismus bezeichnet, weil Raum und Zeit Substanzen sind, d. h. Dinge, die unabhängig von anderen Dingen existieren.  Gäbe es nicht die Dinge, die im Raum und in der Zeit existieren, so gäbe es immer noch Raum und Zeit. - Die Gegenposition zu Newton vertritt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716). Für ihn sind Raum und Zeit keine realen Dinge, sondern Ordnungssysteme, die in den Relationen zwischen den Dingen bestehen. "Der Raum ist die Ordnung gleichzeitig existierender Dinge, wie die Zeit die Ordnung des Aufeinanderfolgenden." Diese Auffassung wird als Relationismus bezeichnet.

Immanuel Kant (1724 - 1804) diskutiert Substantialismus und Relationismus und verwirft beides. Raum und Zeit sind angeborene Formen unseres Denkens und Erkennens. Die Erfahrungserkenntnis ist durch Formen des Denkens bedingt, welche der Erfahrung vorausgehen. Ohne diese a priori gegebenen Verstandeskategorien (insbesondere die Begriffe von Raum, Zeit, Zahl) ist überhaupt keine Aussage über Objekte möglich. Die angeborenen Denkkategorien gehen jeder Erkenntnis und Wissenschaft voraus und können daher durch die Wissenschaft nicht nach Gutdünken definiert werden. 

Der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838 - 1916) war einer der führenden Vertreter der theoretischen Physik des 19. Jahrhunderts. Nach seiner positivistischen Auffassung konnte Zeit nur etwas sein, das man beobachten und messen kann. Wie schon Newton beklagt hatte, gingen aber die Uhren nicht hinreichend genau, um die absolute Zeit zu messen. Deshalb forderte Mach, die absolute Zeit als eine metaphysische Idee aus der Physik zu entfernen. Der junge Albert Einstein (1879 - 1955), der Ernst Mach als sein Vorbild betrachtete, versuchte dessen Forderung durch die Theorie der relativen Zeit (1905) zu verwirklichen. Der Mathematiker Hermann Minkowski (1864 - 1909) ist der Erfinder der vierdimensionalen Raumzeit. Diese stellt die Effekte von Einsteins relativer Zeit in geometrischer Form dar (sog. "Minkowski-Diagramme"). Damit verbunden ist die Idee, dass Raum und Zeit gegeneinander austauschbar seien. Auf  Betreiben von Max Planck wurde die Raumzeit zum Bestandteil der Relativitätstheorie erklärt.

Im 20. Jahrhundert machten bedeutende Denker die gesamte Bandbreite des Zeitbegriffs - Zeit im kulturellen, historischen, soziologischen, psychologischen, lebens- und existenzphilosophischen Sinne - zum Thema. Meine Philosophie beschränkt sich auf die Zeit, die als Maßeinheit oder als messbar verstanden wird, also die Zeit, die von Aristoteles bis Einstein das Objekt des Denkens ist. Sie wird meist als objektive oder physikalische Zeit bezeichnet.

Sonntag, 3. Mai 2020

Kurze Abhandlung über Raum und Zeit

(zuletzt aktualisiert am 4. Oktober 2020)

1. Raum und Zeit sind angeborene Ordnungssysteme, mit denen die Evolution unseren Verstand ausgestattet hat, damit wir uns besser in der Welt orientieren können.

2. Raum und Zeit existieren nicht wie andere Dinge in der Außenwelt. Sie sind auch keine Eigenschaften der Materie. Sondern sie sind nach Immanuel Kant die grundlegenden Formen unseres Denkens und Erkennens.

3. Außerhalb des Verstandes gibt es weder Raum noch Zeit. In der realen (physischen) Welt gibt es nur die Dinge. Ohne unser bewusstes Zutun ordnet der Verstand das Nebeneinander der Dinge mit Hilfe des Raumes, das Nacheinander der Dinge mit Hilfe der Zeit.

4. Kants idealistische Philosophie sah keinen Zusammenhang zwischen unseren angeborenen Denkkategorien und der realen Welt. Die Lösung dieses Problems liegt in der evolutionären Erkenntnistheorie. Deren ursprüngliche Grundüberlegung stammt von Konrad Lorenz (1903-1989): Genauso wie der Huf des Pferdes zum Steppenboden und die Flosse des Fisches ins Wasser passt, passen Kants apriorische Denkkategorien zur Außenwelt.

5. Das Nebeneinander und das Nacheinander der Dinge zeigt sich in den Relationen zwischen den Dingen, also in Größenverhältnissen, Abständen, Positionen sowie in der Dauer zwischen Ereignissen. Der geradlinig dreidimensionale Raum ist die Maßschablone, mit der unser Verstand die Dinge ordnet und die Form eines Dinges erkennt. Die Zeit ist der Maßstab für die Dauer, d.h. für den Abstand der Aufeinanderfolge zwischen zwei Ereignissen.

6. Die Zeit fließt nicht dahin, sondern ist ein fester Maßstab. Was wir beobachten, ist der Fluss der Veränderungen und Ereignisse. Unbewusst ordnet unser Verstand jedes Ereignis einem bestimmten Zeitpunkt zu. Deshalb glauben wir, dass die Zeit fließt. Anschaulich symbolisiert wird das an der herkömmlichen Form der Uhr: Wir irren, wenn wir glauben, am Lauf des Zeigers den Lauf der Zeit zu beobachten. Das Zifferblatt ist die feststehende Zeitskala. Der bewegliche Zeiger ist dagegen ein Teil der sich ständig verändernden Welt.

7. Die Zeit ist nicht subjektiv, sondern objektiv, weil allen Menschen dieselbe Vorstellung von Zeit angeboren ist. Sie ist objektiv, weil die Sekunde als Maßeinheit exakt definiert und durch Gesetze und internationale Vereinbarungen festgelegt ist.

Der Raum ist ursprünglich subjektiv insofern, als unten und oben in unterschiedlichen Teilen der kugelförmigen Erdoberfläche unterschiedliche Richtungen bezeichnen. Der Raum ist objektiv, weil allen Menschen dieselbe Vorstellung des einen, unveränderlichen Raumes angeboren ist. Der Raum ist auch objektiv, weil wir ihn an bestimmten Dingen der Außenwelt festmachen. Auf diese Weise wird eine Verständigung  der Individuen über die Position von Dingen der Außenwelt möglich. So dient in der Astronomie zum Beispiel die Ebene der Erdbahn um die Sonne als Orientierung. Allerdings fördert die  Objektivierung des Raumes unser angeborenes Vorurteil, der Raum befinde sich außerhalb von uns.

8. Die Zeit ist nicht nur objektiv, sondern sie ist absolut aus folgenden Grund:
Die Welt als Ganzes befindet sich zu jedem Zeitpunkt in einem bestimmten Zustand. Dieser Zustand ändert sich von Augenblick zu Augenblick  durch Bewegung und Veränderung - von den Schwingungen der Atome bis zu Geschehnissen in kosmischer Größenordnung. Wenn die Welt als Ganzes zu jedem Zeitpunkt in einem bestimmten Zustand ist, dann ist jeder Zeitpunkt überall derselbe. Wäre es nicht so, dann würde die Welt als Ganzes nicht gleichzeitig existieren.

9. Unser Verstand ordnet die in der Außenwelt vorhandenen Dinge in das dreidimensionale geradlinige Raumschema ein, ohne dass uns dies bewusst ist. Weil die Dinge in der Außenwelt sind,  glauben wir irrtümlich, auch der Raum befinde sich in der Außenwelt. Aber was ist der Weltraum, wenn der Raum nur im Verstand existiert? Außerhalb des Verstandes gibt es nur die Dinge. Der Raum in der Außenwelt ist eine Projektion des Verstandes. Daher bezeichne ich den äußeren Raum als Raumprojektion. Wir können von Natur aus die Dinge nur im dreidimensional-geradlinigen Raumschema erkennen und beschreiben. Deshalb hat Immanuel Kant den Raum (und die Zeit) als die angeborenen Grundformen unseres Denkens und Erkennens bezeichnet. Übrigens: Die vermutete Sattelform des relativistischen Weltraums ist nur in einem dreidimensional-geradlinigen Raum erkennbar. 

Dass durch die Fortschritte der Mathematik auch mit gekrümmten und mit mehr als drei Dimensionen gerechnet werden kann, verändert nicht die reale Welt. Mathematisch kann man alle Raumpunkte auch in einem zweidimensionales Koordinatensystem darstellen oder auch in einer Linie anordnen (siehe die Minkowski-Diagramme zur Raumzeit). Der mathematischen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, aber nicht alles was mathematisch darstellbar ist, ist ein Abbild der Wirklichkeit.

10. Die Physik hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den Relationismus entschieden: danach bestehen Raum und Zeit in den Relationen zwischen den Dingen. Doch eine Philosophie, die nicht zwischen dem zu Messenden (den Relationen der Dinge) und den Maßstäben (Raum und Zeit) unterscheidet, macht Raum und Zeit abhängig von der Materie. Wenn Raum und Zeit Relationen zwischen den Dingen sind, dann verändert sich der Raum und das Zeitmaß wird relativ, weil sich die Dinge bewegen. Nicht ohne Grund gelten heute Raum und Zeit als die großen Rätsel der relativistischen Physik. Manche behaupten gar, die Zeit sei eine Illusion - ein Gedanke, der aus Einsteins späten Jahren stammt, als ihn Zweifel an seiner eigenen Theorie plagten. Dem Positivismus des 19. Jahrhunderts galt alles, was nicht materieller Natur oder nicht sichtbar ist, als Illusion. Doch wir sind im 21. Jahrhundert.

 

Samstag, 10. August 2019

Grundlagen der Philosophie von Raum und Zeit

Raum und Zeit sind keine physikalischen Dinge.
Raum und Zeit sind auch keine Eigenschaften der materiellen Welt.
Raum und Zeit sind abstrakte Eigenschaften des Verstandes, mit denen uns die Evolution ausgestattet hat, damit wir uns besser in der Welt orientieren können.

Der Raum ist ein abstraktes dreidimensional-geradliniges Koordinatensystem, in welchem wir die Dinge verorten und uns in der Welt orientieren. 

Zeit ist das Maß der Dauer zwischen Ereignissen.
Gleichzeitigkeit hängt nicht von den Sinneseindrücken unterschiedlicher Beobachter ab,  sondern ist eine reale Tatsache. 

Nicht mit dem Urknall sind Raum und Zeit entstanden, sondern mit der Fähigkeit des Verstandes, das Nebeneinander und das Nacheinander der Dinge zu beschreiben und zu messen.


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Space and time are not physical things.
Space and time are not properties of the material world.
Space and time are abstract qualities of the human mind. The Evolution has given us this qualities for better orientation in the world.

Space is an abstract three-dimensional system of coordinates with straight lines. So we can describe the positions of things an get a better orientation in the world.  

Time ist the measure of duration between events. 
Simultaneity does not depend on the sense impressions of different observers.
Simultaneity is a real fact.

Space and time did not begin with the Big Bang. Space and time did begin with the ability of human mind to describe and to measure juxtaposition and succession of things.   

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Dienstag, 12. Juni 2018

Kurze Theorie des Raumes

zuletzt bearbeitet im Juni 2022

Grundüberlegung:
Der Raum ist, wie zum Beispiel auch Zeit oder Zahl, eine angeborene Form des Denkens und Erkennens, eine Denkkategorie a priori im Sinne von Immanuel Kant. Der in der idealistischen Philosophie Kants nicht erkennbare Zusammenhang zwischen Denkkategorien und realer Außenwelt wird durch die evolutionäre, durch die Umwelt beeinflusste Entwicklung des Verstandes hergestellt. Als angeborenes Ordnungssystem entsteht der Raum aus der Unterscheidung oben/unten, links/rechts und vorn/hinten, kurz aus der Unterscheidung der Position der Dinge. Daraus entwickelt sich auf natürliche Weise der Raum als dreidimensionales Koordinatensystem, in welches der Verstand die Dinge einordnet. 

Die historische Entwicklung   

Der Raum ist wie die Zeit seit der griechischen Antike Gegenstand naturphilosophischer Theorien. Was ist der Raum? Ist er  endlich oder unendlich? Existiert der leere Raum oder ist er einfach nichts, das Leere? Ist der leere Raum etwas Materielles? So lauten häufige Fragestellungen.

In der Neuzeit haben Newton, Leibniz und Kant die wesentlichen gedanklichen Grundlagen über Raum und Zeit gelegt. Hier sei nur kurz das Wesentliche wiederholt.

Nach Isaac Newton existieren der absolute Raum und die absolute Zeit genauso wie andere Dinge. Gäbe es nicht die Dinge in der Welt, so blieben trotzdem noch Raum und Zeit. Dagegen vertrat Gottfried Wilhelm Leibniz den Relationismus. Der Raum besteht lediglich in Relationen zwischen den Dingen, also in Lagebeziehungen, Abständen und Größenverhältnissen. Immanuel Kant hat Substantialismus und Relationismus verworfen. Nach Kant sind Raum und Zeit die grundlegenden Formen unseres Denkens und Erkennens.

Die kritischen Einwendungen gegen diese Konzepte sind  bekannt. Zum Substantialismus von Newton: Welche Art von Substanz wäre der Raum, der wie andere Dinge existiert? Zum Relationismus von Leibniz: Die Existenz materieller Dinge allein ist noch kein Raum. Außerdem wird der Raum bereits vorausgesetzt, wenn er in den räumlichen Beziehungen zwischen den Dingen besteht. Zu Kants Idealismus: Es bleibt ungeklärt, warum wir uns mit den angeborenen Denkkategorien Raum und Zeit in der Außenwelt zurechtfinden können.

Die evolutionäre Erkenntnistheorie liefert eine Erklärung dafür, warum uns Raum und Zeit als Denk- und Erkenntnisformen angeboren sind. Sie dienen unserer Orientierung in der Außenwelt. Sie sind uns angeboren, weil die Entwicklung des Verstandes durch die Evolution geprägt wurde.

Wie entsteht die Vorstellung des Raumes im Verstand? Die Außenwelt besteht aus zahllosen Dingen, einem bunten Chaos, in welchem sich der Mensch zurechtfinden muss. Ordnung in dieses Chaos bringt ein Koordinatensystem, in welches der Verstand ohne unser Zutun, also unbewusst die Dinge einordnet. Drei geradlinige Raumdimensionen, das ist die einfachste Form des Raumes, und mehr ist nicht notwendig, um jedes Ding einzuordnen und jeden Punkt im Raum eindeutig zu definieren. Durch den Fortschritt der Mathematik wurden auch vieldimensionale Räume und gekrümmte Dimensionen möglich. Aber die Grundlage unseres Denkens und Erkennens ist der dreidimensional geradlinige Raum, ohne den wir die Form eines Gegenstandes gar nicht erkennen und beschreiben könnten.

Der Verstand greift mit den Sinnesorganen hinaus in die Außenwelt und verortet die Dinge in einem  abstrakten Koordinatensystem. Weil dies unbewusst geschieht und weil sich die realen Dinge tatsächlich in der Außenwelt befinden, haben wir von Natur aus schon immer die Vorstellung, dass der Raum in der Außenwelt ist. Auch Newton und Leibniz hatten diese Vorstellung, und die moderne Physik glaubt dies ebenfalls. Aber in Wirklichkeit ist der Raum eine angeborene Abstraktionsleistung des Verstandes.

Wenn wir sagen, dass es außerhalb des Verstandes keinen Raum gibt, bekommen wir scheinbar  ein Problem. Tief ist von Natur aus die Vorstellung in uns verwurzelt, dass sich der Raum in der Außenwelt befindet. Sofort sagt uns der Alltagsverstand, dass wir doch unbestreitbar in einem äußeren Raum leben, der durch Berge, Flüsse und Meere gegliedert und begrenzt wird. Was sonst als ein Raum wäre der Weltraum, der Sterne, Planeten und Staubwolken enthält? Der äußere Raum ist in der uns angeborenen Denkweise der Raum schlechthin. Dem konnte sich auch Immanuel Kant nicht entziehen, dem wir die Einsicht verdanken, dass Raum und Zeit angeborene Formen des Denkens und Erkennens sind. Er bezeichnete den Raum als die äußere Form des Erkennens, im Gegensatz zur Zeit, der inneren Form des Erkennens. Diese etwas willkürlich erscheinende Unterscheidung ist erklärbar, weil wir von Natur aus glauben, der Raum befinde sich in der Außenwelt. Die Auflösung des Problems: Der Raum existiert nur im Verstand. In der Außenwelt existieren nur die Dinge. Weil wir die Dinge in den Raum einordnen, haben wir den Eindruck, der Raum befinde sich, wie die Dinge, in der Außenwelt.

In der Wissenschaft ist die Unterscheidung zwischen mathematischen Räumen und physikalischem Raum längst geläufig. Aber weder ein mathematischer Raum noch der äußere Raum existiert materiell. In der Außenwelt existieren die Dinge, der Raum dagegen ist eine abstrakte, gedachte Struktur. Wem dieser Gedanke befremdlich erscheint, der möge sich vergegenwärtigen, dass die Vorstellung Isaac Newtons von einem Raum, der in der Außenwelt real existiert, schon vor über 100 Jahren aufgegeben wurde. Die theoretische Physik hat sich um 1900 dafür entschieden, dass Raum und Zeit nur Relationen zwischen den Dingen sind. Demnach existieren nur die Dinge, dagegen bestehen Raum und Zeit nur in Relationen  zwischen Dingen, nämlich als Größenverhältnisse, Abstände, Dauer von Veränderungen. Gegen den  nächsten Schritt, wonach Raum und Zeit keine Eigenschaften der Materie, sondern ausschließlich Verstandeskategorien sind, sträubt sich die am Positivismus des 19.  Jahrhunderts klebende Wissenschaft mit Händen und Füßen. Wo es nichts zu beobachten, zu messen, zu experimentieren und zu berechnen gibt, sondern wo es ausschließlich auf die richtigen gedanklichen Grundlagen ankommt, wehrt sich die Wissenschaft gegen den Fortschritt und hält an dem fest, was man irrtümlich als mathematisch und experimentell erwiesen glaubt.

Der abstrakte, mathematische Raum kennt seiner Natur nach nicht oben und unten, nicht Nord und Süd, und er kennt keinen festen Bezugspunkt für Bewegung. Weil es keinen absoluten Raum gibt, ist Bewegung relativ, wie schon G. W. Leibniz gefolgert hat. Nur durch Konvention wird oben, unten oder ein Bezugspunkt festgelegt. Als Bewohner der Erde sind wir uns seit jeher darin einig, dass unten da ist, wohin die Schwerkraft wirkt. Wir sind uns außerdem im Alltag darüber einig, Bewegung und Geschwindigkeit auf die Erdoberfläche zu beziehen. Bewegung (im Sinne von Ortsveränderung) und Geschwindigkeit hängen vom gewählten Bezugssystem ab und sind daher relativ. Ohne Bezugssystem  ist der Begriff der Geschwindigkeit (im Sinne von Ortsveränderung) sinnlos.

Raum und Zeit sind nicht Teile oder Eigenschaften der materiellen Welt, sondern abstrakte Vorstellungen. Die abstrakte, mathematische Zeit ist nicht relativ, sondern ein festes Maß. Der Raum wird nicht durch Schwerkraft gekrümmt, sondern die Dinge verändern ihre Position im Raum. Zwar lässt sich eine Raumzeit konstruieren, weil der mathematischen Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. Tatsächlich aber bilden Raum und Zeit nicht physikalisch, sondern in unserem Erleben eine Einheit. Unser Verstand fügt unbewusst und ohne unser Zutun das räumliche Nebeneinander und das zeitliche Nacheinander der Dinge zu einem einheitlichen Erleben zusammen. Nichts anderes meinte der in Göttingen lehrende Philosoph Melchior Palagyi mit seinem Begriff der Raumzeit, den er als Erster verwendet hat (1901). Allerdings verwendete er dabei geometrische Vergleiche, die den Mathematiker Hermann Minkowski dazu anregten, die Raumzeit auf die Physik zu übertragen.

Nicht mit dem Urknall sind Raum und Zeit entstanden, sondern mit der Fähigkeit des Verstandes, das Nebeneinander und das Nacheinander der Dinge zu beschreiben. Raum und Zeit sind angeborene Werkzeuge des Verstandes, mit denen wir uns in der Welt orientieren.


Objektive und subjektive Räume

Der Raum als individuelles Koordinatensystem ist subjektiv. Allein schon Lageveränderung und Bewegung des Individuums führen subjektiv zu einer anderen Anordnung der Dinge im Raum. Die Relationen der Dinge erscheinen relativ. Ein großes Haus erscheint in der Ferne klein wie ein Spielzeug. Doch der Verstand lässt sich durch die Perspektive nicht täuschen, sondern erkennt die objektiven Größenverhältnisse. Durch den Fortschritt der Wissenschaft gilt dies auch für  entfernte Himmelskörper.

Der Mensch hat das Bedürfnis und die Fähigkeit, den Raum zu objektivieren. Der Raum wird objektiv, indem er an bestimmten Merkmalen der Außenwelt festgemacht wird. Solche Merkmale sind zunächst der Boden unter den Füßen, dann die Schwerkraft und der Lauf der Sonne von Ost nach West. Alle Menschen sind sich von Natur aus darin einig, dass unten da ist, wohin die Schwerkraft wirkt. Durch den Lauf der Sonne wird zugleich Nord und Süd, Ost und West festgelegt. Durch die Objektivierung des Raumes wird eine Verständigung zwischen den Individuen möglich über die Positionen der Dinge in der Außenwelt.

Die Vorstellung von einem objektiven, allen irdischen Wesen gemeinsamen Raum wird erschüttert durch die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist, sondern eine Kugel, die um die Sonne kreist. Durch diese Erkenntnis ist oben und unten nicht mehr dieselbe Richtung in allen Erdteilen. Wer den Gedanken zu Ende denkt, erschaudert zunächst bei der Vorstellung einer bodenlosen Welt ohne Oben und Unten. Doch auch in dieser neuen Situation bemüht sich der Mensch um die Objektivierung des Raumes. Die Astronomie verwendet unterschiedliche Koordinatensysteme zur Orientierung. So dient zum Beispiel die Ebene der Erdbahn um die Sonne als Orientierung. Für das galaktische System wird die Ebene der Milchstraße als Grundebene verwendet, wobei die Richtung zum Zentrum unserer Galaxis als Nullmeridian dient.

Die Objektivierung des Raumes durch Orientierung an Merkmalen der Außenwelt gibt uns Halt in einer bodenlosen Welt. Doch die Befestigung des Raumes an Dingen der Außenwelt befördert  leider auch unser angeborenes Vorurteil, wonach sich der Raum nicht im Verstand, sondern in der Außenwelt befindet.


Der Raum in der Außenwelt

Was aber ist der Raum außerhalb des Verstandes, das Leere zwischen den Dingen? Der Raum in der Außenwelt ist eine Projektion unseres Verstandes. Zur Unterscheidung vom inneren, gedachten Raum bezeichne ich ihn als Raumprojektion. Der Verstand ordnet ohne unser bewusstes Zutun das Nebeneinander der Dinge. Zu diesem Zweck wirft er eine Projektion des dreidimensional geradlinigen Raumes auf die reale Außenwelt. Nur im dreidimensionalen Raster erkennen wir die Form eines Gegenstandes. An den Dimensionen Länge, Breite und Höhe der Raumprojektion messen wir die Größen, Abstände und Positionen (die Relationen) der Dinge.


Alltäglicher Raum und wahrer Raum

Wenn Immanuel Kant die Zeit als die innere und den Raum als die äußere Form des Erkennens bezeichnet, so ist dies ein Hinweis auf eine damals ungelöste Frage. Das alltägliche Denken sieht den Raum stets in der Außenwelt. Unsere Raumprojektion ist auf  die Außenwelt und deren Dinge bezogen. Aus diesem Grund geht der Alltagsverstand schon immer davon aus, dass sich der Raum, nicht anders  wie die Dinge, in der Außenwelt befindet. Dagegen sehen wir im Licht der philosophischen Erkenntnis, dass der Raum in Wahrheit ein angeborenes Ordnungssystem ist, mit dem die Evolution unseren Verstand ausgestattet hat. Infolge der Differenz zwischen dem alltäglichen Raum und dem unerkannten wahren Raum war es möglich, dass der Raum seit Jahrhunderten bis in die Gegenwart als ein eigenständig existierendes Ding (Newton) oder als eine Eigenschaft der Dinge (Leibniz) gilt. Erst Immanuel Kant hat diese Irrtümer überwunden, jedoch herrscht in der Naturwissenschaft immer noch die alltägliche Vorstellung vom Raum, der außerhalb des Verstandes existiert.


Der absolute Raum

Isaac Newton wusste noch nicht, dass uns Raum und Zeit als Formen des Denkens und Erkennens angeboren sind. Er hat den uns angeborenen absoluten Raum naiv in die Außenwelt verlegt und als real existierendes Ding beschrieben, ebenso die absolute Zeit. Erst Immanuel Kant hat Raum und Zeit in das Bewusstsein gehoben als angeborene Denkkategorien. In der philosophischen Lehre von Karl Popper wären Raum und Zeit als Produkte des Verstandes der Welt 3 zuzuordnen (ob Popper bewusst war, dass Raum und Zeit Verstandesprodukte sind, bleibt offen).

Den absoluten Raum kann ich denken, aber tatsächlich ist er in der Außenwelt nicht nachweisbar und daher für die Naturwissenschaft nicht relevant. Da der Raum ein Verstandesprodukt ist, ist er seiner Natur nach endlos und unbegrenzt. Falls sich das Weltall ausdehnt, wie viele Kosmologen glauben, dann dehnt sich nicht der Raum aus, sondern das Weltall expandiert im unendlichen Raum.

Die Physik hält anscheinend immer noch am positivistischen Leitmotiv des 19. Jahrhunderts fest ("Die Beobachtung ist unsere einzige Wirklichkeit"), woraus letztlich folgt, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt. Wird sie jemals verstehen, dass uns die Evolution einfache Verstandesgewissheiten geschenkt hat, die uns in die Lage versetzen, ein realistisches Bild von der Welt zu gewinnen? Zu diesen Verstandesgewissheiten gehören vor allem die absolute Gleichzeitigkeit (jeder Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, ist überall derselbe)  sowie ein dreidimensional geradliniges Raumschema, an Hand dessen wir die räumliche Anordnung der Dinge und ihre Formen erkennen. Dann könnte die Physik auch verstehen, was Raum und Zeit trotz aller abgehobenen mathematischen Phantasien faktisch schon immer waren: Ordnungs- und Maßsysteme, nicht mehr und nicht weniger. Die Vermessung der Welt kann nicht gelingen mit variablen Maßeinheiten oder mit der Vorstellung, dass Raum und Zeit gegenseitig austauschbare  Attribute der Materie sind..    


Donnerstag, 16. Juli 2015

Theorie der Zeit


zuletzt ergänzt Februar 2026

Grundüberlegung: 
Die Zeit ist, wie zum Beispiel auch Raum oder Zahl, eine angeborene Form des Denkens und Erkennens, eine Denkkategorie a priori im Sinne von Immanuel Kant. Der in der idealistischen Philosophie Kants nicht erkennbare Zusammenhang zwischen Denkkategorien und realer Außenwelt wird durch die evolutionäre, durch die Umwelt beeinflusste Entwicklung des Verstandes hergestellt. Als angeborenes Ordnungssystem besteht die Zeit ursprünglich in der Unterscheidung von vorher, jetzt und nachher. Daraus entwickelt sich auf natürliche Weise die Zeit als Maß für die Abstände in der Aufeinanderfolge von Veränderungen oder Ereignissen.


1. Einleitung

Philosophieren besteht darin, Antworten auf Fragen zu suchen, die nur durch das Denken gefunden werden können. Darin unterscheidet sich die Philosophie von der Naturwissenschaft, die vorrangig durch Beobachten, Messen, Experimentieren und Berechnen ihre Erkenntnisse gewinnt. Die Frage nach dem Wesen von Raum und Zeit wurde schon durch Denker in der Antike gestellt. Doch der Untergang der damaligen Zivilisation bedeutete auch einen Abbruch und Verlust von  Denken und Wissen.

Gegenstand meiner Theorie ist die Zeit, die als Maßeinheit definiert wird oder als messbar verstanden  und meist als physikalische oder objektive Zeit bezeichnet wird. Sie ist zu unterscheiden von gefühlter Zeit, die Gegenstand der Psychologie ist. Sie ist auch zu unterscheiden von soziologischen, existenzphilosophischen und anderen Zeitkonzepten. Die Frage, was die Zeit eigentlich ist - ein real existierendes Ding, eine Eigenschaft der Dinge und der Welt, eine Kategorie des Denkens und Erkennens - ist ursprünglich eine naturphilosophische Frage.

Die Zeit ist kein physikalisches Ding und keine Eigenschaft von Dingen, sondern ein abstraktes Ordnungs- und Maßsystem. Der gleichmäßige Wechsel von Tag und Nacht ist der Ursprung der Zeit. Durch die evolutionäre Entwicklung des Verstandes entsteht die Zeit als angeborene Vorstellung. Aber nicht die Zeit fließt dahin, sondern die realen Vorgänge und Zustände der Welt bilden einen Verlauf.  Mit dem auf der Zeitskala gleichmäßig fortschreitenden Uhrzeiger messen wir die Dauer von Geschehnissen und Veränderungen. Daraus folgt das Streben nach gleichmäßig gehenden Uhren. Es gibt nur eine Zeit, die überall dieselbe ist, weil sich die Welt als Ganzes in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand befindet.

Die Zeit ist ein abstraktes Ordnungssystem, das uns infolge der evolutionären Entwicklung des Verstandes angeboren ist. Am Maßstab der Zeit messen wir den Fortgang der realen Geschehnisse.  "Außerhalb des Verstandes gibt es nichts, was man als Zeit bezeichnen kann" (Helmut Hille). Dies darzulegen ist das Hauptziel meiner Theorie. Daneben sind die Begriffe "Gleichzeitigkeit" und "Uhrzeit" zu erklären. Der Satz von Helmut Hille "Zeit ist das Maß der Dauer" erschließt sich nicht ohne weiteres, denn er nimmt Bezug auf Newton. Aber für Newton ist "Dauer" nur ein anderes Wort für "Zeit". Wenn wir aber, anders als Newton,  die Unterscheidung treffen einerseits zwischen "Dauer" als einer Relation zwischen realen Dingen bzw. Ereignissen und andererseits der im Verstand gegebenen Zeit als Maßstab der Dauer, so kommt Licht in den rätselhaften Charakter der Zeit. Allerdings verlangt die nachfolgend dargelegte Theorie von uns, bestimmte Denkgewohnheiten aufzugeben, indem sie unsere uralte Vorstellung vom Dahinfließen der Zeit in Frage stellt. Denn nicht die Zeit als Maßstab fließt dahin, sondern die Veränderungen der realen Dinge bilden einen Verlauf von Bewegung und Veränderung.


2. Substantialimus, Relationismus, Idealismus

Aristoteles (384 - 322 vor Chr.) definierte die Zeit als Zahl - auch als Maß - der Bewegung (oder das Gezählte an der Bewegung) nach dem Früher oder Später. Der Gedanke ist mit der antiken Zivilisation  zunächst untergegangen. Der erhalten gebliebene Teil der Schriften des Aristoteles ist auf Umwegen teils über Konstantinopel, teils über das arabische Spanien in das christliche Mittelalter gelangt. Doch erst zweitausend Jahre nach Aristoteles gewann die Philosophie wieder die Erkenntnis, dass die Zeit ein abstraktes Ordnungssystem ist.

Newtons  Substantialismus scheitert an der Frage, was die Zeit ist, die es als ein Ding neben dem Materiellen gibt. Weil das Nebeneinander und das Nacheinander der Dinge in der Außenwelt stattfindet, hat Newton offenkundig die uns angeborene Vorstellung der absoluten, das heißt der universellen und gleichmäßig verlaufenden Zeit, in die Außenwelt verlegt, ein psychologischer Vorgang, den man in der Psychologie als Projektion bezeichnet.

Der Relationismus von Leibniz führt zwar zu der plausiblen Konsequenz, dass es ohne Veränderung keine Zeit gibt. Aber Veränderung allein ist keine Zeit. Leibniz bezeichnet die Zeitrelationen als die Ordnung des Nacheinander. Doch das Neben- und Nacheinander der Veränderungen in der Welt ist keine Ordnung, sondern Chaos. Erst der Verstand bringt Ordnung in das Chaos. Außerdem ist der Einwand bekannt, dass der Relationismus Raum und Zeit bereits voraussetzt, wenn er sagt, dass Raum und Zeit in den räumlichen und zeitlichen Beziehungen zwischen den Dingen bestehen. Leibniz unterliegt einem ähnlichen Irrtum wie Newton, indem der die Welt durch die Brille der uns angeborenen Ordnungsstruktur Zeit betrachtet  - was wir unbewusst alle tun - und dadurch die im Verstand gegebene  Ordnung nicht im Verstand, sondern in der Außenwelt sieht.  Die Theorie von Leibniz, wonach Zeit eine Relation zwischen den Dingen ist, erscheint bestechend einfach und dadurch überzeugend. Doch zu Lebzeiten von Leibniz war noch nicht bekannt, dass Raum und Zeit angeborene Kategorien unseres Denkens und Erkennens sind. Der Relationismus versteht die Zeit als ein Attribut der materiellen Welt. Doch Veränderung ist keine Zeit, sondern ist die  äußere Ursache für die Entstehung der Zeit im Verstand.

Immanuel Kant schwankte jahrelang zwischen Substantialismus und Relationismus und verwarf am Ende beides. Die Zeit ist weder ein Ding, das in der Realität existiert, noch ist sie eine Eigenschaft von Dingen. Sondern die Zeit ist, wie der Raum, eine angeborene Denk- und Erkenntniskategorie, eine Grundform unseres Denkens und Erkennens. Allerdings konnte Kants idealistische Philosophie nicht erklären, warum wir uns mit den angeborenen Vorstellungen von Raum und Zeit in der Wirklichkeit zurechtfinden. Seine Erkenntnistheorie, wonach wir nicht die Dinge an sich, sondern nur ihre Erscheinungen erkennen, hatte keinen darüber hinaus gehenden Bezug zur realen Außenwelt. Dies ist einer der Gründe dafür, dass die theoretische Physik um 1900 Ernst Mach folgte und sich die relationistische Auffassung von Raum und Zeit zu eigen machte. Mach, einer der bedeutendsten Protagonisten der theoretischen Physik am Ende des 19. Jahrhunderts, ging sogar noch einen Schritt weiter als Kant, indem er die die Existenz einer objektiven Wirklichkeit überhaupt in Frage stellte. Damit war ein Grundstein für den Subjektivismus und Relativismus in der Physik gelegt.


3. Zeit ist eine Ordnungsstruktur im Verstand

Offenkundig gibt es bis heute keine einheitliche und allgemein akzeptierte Auffassung darüber, was Zeit ist. Die Physik glaubt Raum und Zeit auf ihre Weise definieren zu können und verkennt dabei, dass Raum und Zeit notwendige Grundformen unseres Denkens und Erkennens sind. Als solche sind sie nicht Gegenstand, sondern  Voraussetzung jeder Naturwissenschaft.

Gehen wir davon aus, was heute akzeptiertes Lexikonwissen ist. Demnach beschreibt die Zeit die Abfolge von Ereignissen. Die Einteilung der Geschehnisse erfolgt

- nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ("Zeitmodus")

- nach früher, später und gleichzeitig ("Zeitordnung")

- nach unterschiedlicher Dauer, wobei mit Dauer die Abstände in der Aufeinanderfolge von Geschehnissen gemeint sind.

Daraus folgt, dass Zeit auf bestimmten Ordnungsprinzipien beruht. Diese sind offensichtlich eine Sache des Verstandes. Nur der Verstand befähigt uns, im jeweiligen Jetzt das Vergangene (im Gedächtnis) und das Zukünftige (in der Erwartung) zu unterscheiden. Nur der Verstand befähigt uns, in einer Reihe von Ereignissen zu unterscheiden, was früher, später oder gleichzeitig geschieht. Nur der Verstand befähigt uns, die Dauer zwischen Ereignissen zu vergleichen und mit Uhren zu messen.

Allein schon durch die Tatsache, dass sich die sichtbare Außenwelt ständig bewegt und verändert, wird der Verstand dazu veranlasst, ständig zwischen vorher, jetzt und nachher zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist die Urform von Zeit. Sie wird mit den Begriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbunden.


4. Die Rolle der evolutionären Erkenntnistheorie

Von Natur aus ist uns die Vorstellung angeboren, dass die Zeit gleichmäßig verläuft und dass es nur eine Zeit gibt, die überall dieselbe ist. Dies stimmt mit Newtons Beschreibung der absoluten Zeit überein. Allerdings geht Newton davon aus, dass die absolute Zeit wie ein reales Ding in der Außenwelt existiert.  

Von dem Biologen und Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903 - 1989) stammt die Überlegung, dass auch die Entwicklung des Verstandes durch die Umwelt beeinflusst wird. Dadurch kommt es zu bestimmten Denk- und Erkenntnisformen, die uns angeboren sind. Auf diese Weise entsteht ein Bezug zwischen der realen Außenwelt und Immanuel Kants a priori gegebenen Verstandeskategorien. Aus genau denselben Gründen, aus denen der Huf des Pferdes zum Steppenboden und die Flosse des Fisches ins Wasser passt, passen die a priori gegebenen Denkkategorien zur Außenwelt (Konrad Lorenz: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie, 1941).

Doch mit der Überlegung, dass unsere angeborenen Denkformen genau so auf die Umwelt passen wie die Flosse des Fisches zum Wasser, ist nicht bewiesen, dass die Vorstellung der absoluten Zeit ein Abbild der Wirklichkeit ist. Zwar ist der Pferdehuf optimal an den Steppenboden angepasst, aber er ist kein Abbild des Steppenbodens im Sinne fotografischer oder spiegelbildlicher Wiedergabe. Mit diesem Argument wurden evolutionstheoretische Überlegungen zu Raum und Zeit schon vor Jahrzehnten  zurückgewiesen. Unsere angeborenen Vorstellungen von Raum und Zeit, so das Argument der Physik, dienten dem Überleben, aber nicht der Wahrheit, was durch die Relativitätstheorie bewiesen sei.

Wer aus guten Gründen den Glauben an die Relativität der Zeit verwirft, kann mit dieser Auskunft nicht zufrieden sein, sondern wird weiter fragen. Auch wenn die Grundüberlegung der evolutionären Erkenntnistheorie kein Beweis dafür ist, dass die absolute Zeit ein direktes Abbild der Wirklichkeit darstellt, so führt sie uns doch zwangsläufig zu der Frage, wie die Vorstellung von absoluter Zeit in den Verstand gekommen ist.


5. Wie entsteht die absolute Zeit im Verstand?

Manche Sachverhalte versteht man erst, wenn man ihre Entstehungsgeschichte kennt. Zwar ist die Entstehung der Zeit nicht historisch überliefert, aber sie lässt sich plausibel rekonstruieren.

Seit dem frühesten Entwicklungsstadium der Menschheit macht das Individuum die Erfahrung des regelmäßigen Wechsels von Tag und Nacht. Dieser gleichmäßige Rhythmus führt dazu, die realen Geschehnisse in eine gleichmäßige Skala von Tagen einzuordnen. Bestimmte Ereignisse werden einem bestimmten Tag zugeordnet, und der Abstand (die Dauer) zwischen zwei Ereignissen kann in Tagen angegeben werden. Auf diese Weise entsteht im Lauf des Entwicklungsprozesses die Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit. Die Zeitskala ist zuerst in Tage eingeteilt, die in einen Kalender eingeordnet werden. Dieser wird wiederum mit dem Jahreslauf verbunden.

Hier liegt der Ursprung der Vorstellung, dass die Zeit gleichmäßig verläuft. Die abzählbaren Tage fließen gleichmäßig dahin, aber zunächst tritt noch nicht in das Bewusstsein, dass der Tag eine Maßeinheit ist. Sondern als Merkmal eines Tages wird wahrgenommen, dass er mit bestimmten Ereignissen verbunden ist, zum Beispiel der Geburt eines Kindes oder dem Erscheinen eines Kometen. Die Abfolge der Ereignisse wird mit dem Fluss der Tage verbunden und schließlich als Fluss der Zeit bezeichnet.  

Auch Martin Heidegger (1889-1976) führt die Zeitlichkeit auf den Lauf der Sonne zurück, woraus als natürliches Zeitmaß der Tag folgt ("Sein und Zeit", § 80).  Der ontologische Status der Zeit ist allerdings nicht das Hauptthema des Existenzphilosophen Heidegger. Die herkömmliche Vorstellung von dahinfließender Zeit stellt er nicht in Frage.

(Auch wenn Heideggers Philosophie des Seins vielen unverständlich bleibt, so leidet darunter nicht die Verständlichkeit seiner Ausführungen über die Zeit). 

Hinzu kommt eine zweite ursprüngliche Erfahrung, nämlich dass es nur eine Außenwelt gibt, in der das Individuum und alle anderen Individuen leben. Es gibt nur eine aus Tagen bestehende Zeitskala in dieser Welt, in der die Sonne überall im gleichen Tagesrhythmus am Zenit steht. Dies führt zu der Vorstellung, dass es nur eine Zeit gibt, die überall dieselbe ist. 

Zu der Vorstellung, dass es nur eine Zeit gibt, trägt auch die Beobachtung und  Erfahrung unserer frühen Vorfahren bei, dass die Gleichzeitigkeit von Ereignissen eine reale Tatsache ist.  Daraus folgt, dass der Augenblick, den ich mit Jetzt bezeichne, überall derselbe ist. Die selbstverständliche Erfahrung, dass die Gleichzeitigkeit von Ereignissen eine reale Tatsache ist, machen wir auch heute noch innerhalb unseres Gesichtskreises. Es gibt keinen Grund dafür, warum die reale Gleichzeitigkeit nicht auch über den Bereich hinaus gegeben sein sollte, den wir unmittelbar beobachten können.

Mit fortschreitender Entwicklung des Verstandes entsteht die Fähigkeit und das Bedürfnis, in kleineren Zeiteinheiten zu denken. Aus dem zunächst in Tage eingeteilte Kalender wird eine kleinteiligere Zeitskala durch die Unterscheidung des Sonnenstandes nach Morgen, Mittag und Abend. Später kommen Sonnenuhren hinzu, die es ermöglichen, den Tag in Stunden einzuteilen.

Am Beginn dieser hier skizzierten Entwicklung ordnet der Verstand jedes Ereignis einem bestimmten Tag zu. Der Zeitpunkt und damit die kleinste Einheit auf der Zeitskala ist ursprünglich ein Tag. Mit der in der weiteren Entwicklung folgenden Einteilung des Tages in Stunden, Minuten und Sekunden kann jedes Ereignis mit einem viel kleineren Zeitpunkt verbunden werden. Am Ende der Entwicklung, im gegenwärtigen wissenschaftlichen Zeitalter, steht die Erkenntnis, dass der Zeitpunkt beliebig klein gedacht werden kann. Daraus folgt als Konsequenz, die Konstruktion von immer noch genaueren Uhren anzustreben. Wobei die Genauigkeit der Uhr zwei Eigenschaften impliziert, nämlich den gleichmäßigen Gang und eine möglichst kleinteilige Zeitskala. Heute kann man mit Atomuhren Milliardstel Sekunden messen.


Zur Illustration:
Die Zeitskala ist am Beginn der Entwicklung ein Kalender, der in Tage eingeteilt ist. Reale Ereignisse werden einem bestimmten Tag zugeordnet. Der Abstand zwischen Ereignissen wird in Tagen benannt und gemessen. Die natürliche Zeiteinheit ist ein Tag.

|          |          |          |          |          |          |          |          |        Tage


Mit fortschreitender Entwicklung des Verstandes wird die Zeitskala kleinteiliger. Der Verstand denkt in Stunden, dann in Sekunden. Heute wissen wir, dass ein Zeitpunkt beliebig klein gedacht werden kann. Jedes beliebige Ereignis und jeden der ständig wechselnden Zustände der Welt verbinden wir - bewusst oder unbewusst - gedanklich mit einem Zeitpunkt.

.......................................................................................        Sekunden

Wissenschaft und Technik sind heute in der Lage, mit Milliardstel Sekunden zu messen und zu rechnen und entsprechend leistungsfähige Atomuhren zu bauen.

Der Lauf der Sonne führt nicht nur zum Wechsel von Tag und Nacht und auf diese Weise zu einer endlosen Zeitskala, auf der die Zeiteinheiten abgezählt werden. Sondern der Stand der Sonne zeigt Morgen, Mittag und Abend an. Dies ist der Ursprung der Uhrzeit, die zunächst nur ungenau von  Sonnenuhren abgelesen wurde. Die aktuelle und konkrete Uhrzeit bezeichnet einen bestimmten Zeitpunkt auf der abstrakten Zeitskala, nämlich die jeweilige Gegenwart.  


6. Stimmt die absolute Zeit mit der Wirklichkeit überein?

Die uns angeborene Vorstellung von absoluter Zeit besteht darin, dass die Zeit gleichmäßig verläuft und dass es nur eine Zeit gibt. Stimmt diese Vorstellung mit der Wirklichkeit überein? 

Falls die Frage auf Newtons Beschreibung der absoluten Zeit abzielt, so ist sie in zweifacher Hinsicht mit "Nein" zu beantworten. Denn zum einen existiert die Zeit nicht wie ein Ding in der Außenwelt, sondern nur im Verstand. Außerhalb des Verstandes gibt es keine Zeit. Zum anderen verläuft die Zeit nicht, sondern ist der  Maßstab, an dem wir vorher, jetzt und nachher unterscheiden und an dem wir die Dauer zwischen Ereignissen und Veränderungen messen. Die Zeit ist das Maß für die Zeitrelationen.

Aber es trifft zu, dass es nur eine Zeit gibt, die überall dieselbe ist. Dies folgt aus der absoluten Gleichzeitigkeit. Jeder Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, ist überall derselbe. Wenn jeder Augenblick auf der Zeitskala überall derselbe ist, dann gibt es nur eine Zeit. 

(Dass Einstein die Gleichzeitigkeit nach den  subjektiven Sinneseindrücken unterschiedlicher Beobachter definiert und nur auf diese Weise relativiert, wird von der Wissenschaft ignoriert. Der mathematische Teil von Einsteins Theorie zeigt mit dem sog. Lorentzfaktor nur das Maß der per Definition bereits vorausgesetzten Relativität auf. In der Tradition von Immanuel Kant stehende Philosophen haben die Relativitätstheorie seit jeher abgelehnt, weil die Zeit als notwendige Denk- und Erkenntniskategorie nicht relativ sein kann. Aber die Physik denkt nicht philosophisch, weshalb Philosophie und Physik oft aneinander vorbei reden.)
 

Die Unterscheidung zwischen dem Ordnungs- und Maßsystem Zeit einerseits und den zu messenden Zeitrelationen andererseits beruht auf der Unterscheidung von Innen- und Außenwelt.

Außenwelt:
In der Außenwelt gibt es die Abstände in der Aufeinanderfolge von Ereignissen ("Zeitrelationen")
entweder als Dauer zwischen Ereignissen,
oder als Gleichzeitigkeit von Ereignissen.

Die unterschiedlichen Relationen, nämlich Dauer und Gleichzeitigkeit, bezeichnen reale Tatsachen (keine realen Dinge, aber reale Sachverhalte) in der realen Welt.

Innenwelt:
Im Verstand gibt es die Zeit als Ordnungsstruktur und Maß für die Relationen der realen Außenwelt, wodurch wir entweder die Dauer zwischen zwei Ereignissen oder ihre Gleichzeitigkeit (als fehlende Dauer) erkennen.


Die Außenwelt weist Strukturen auf, auf deren Grundlage Raum und Zeit im Verstand entstehen. Die für den Raum grundlegende Struktur der Welt besteht im Nebeneinander der Dinge sowie in ihren Abständen und Größen. Die für die Zeit grundlegende Struktur der Welt besteht im Nacheinander der Veränderungen. Weil sich das Nacheinander der Veränderungen in der Außenwelt abspielt, haben wir die natürliche Neigung, die Zeit als eine Eigenschaft der Welt aufzufassen, anstatt sie als Ordnungsstruktur des Verstandes zu erkennen. Entsprechendes gilt für den Raum.

Dass es nur eine Welt und folglich nur eine Zeit gibt, ist zunächst eine ursprüngliche Erfahrung in einem frühen Entwicklungsstadium des Verstandes (siehe Nr. 5 - wie entsteht die Zeit im Verstand). Diese Erfahrung allein mag manchen nicht als Beweis für die absolute Gleichzeitigkeit gelten. Der Beweis liegt auf einer anderen Ebene. Die physikalische (materielle) Welt als Ganzes befindet sich in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand. Der Zustand der Welt ändert sich von Augenblick zu Augenblick durch unzählige Geschehnisse und Veränderungen von atomarer bis kosmischer Größenordnung. Wenn die Welt in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand ist, dann ist jeder Augenblick überall derselbe. Der Augenblick bezeichnet den gegenwärtigen Zustand der Welt. Es gibt nur eine Welt, folglich nur eine reale Gleichzeitigkeit, die in der ganzen Welt dieselbe ist.  Wäre dies nicht der Fall, so würde die materielle Welt als Ganzes nicht gleichzeitig existieren.

Dieser Gedanke wird keineswegs dadurch widerlegt, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, die Welt als Ganzes zu beobachten und zu beschreiben. Nicht die Erfahrung, sondern die Verstandeslogik  befähigt uns zu der Einsicht, dass die Welt ein Ganzes ist, dessen Zustand sich ständig ändert. Der Einwand, dass in der Wissenschaft nur zählt was wir beobachten und messen können, ist lediglich der Nachhall eines obsoleten Positivismus aus dem 19. Jahrhundert. Das längst widerlegte Leitmotiv dieser Denkweise lautete: die Beobachtung ist unsere einzige Wirklichkeit. 



7. Vorläufiges Ergebnis - Was ist die Zeit?

In der äußeren Wirklichkeit gibt es die realen Dinge, die sich verändern und bewegen. Alles ist in ständiger Veränderung, von den Schwingungen der Atome, über die Bewegungen in alltäglicher Größenordnung, bis zur Bewegung der Galaxien. Alles fließt, weshalb man nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann, wie Heraklit gesagt hat. Als biologisches Individuum und als Person bleibt der Mensch identisch für die Dauer seines Lebens. Doch materiell ist er ein Teil der sich ständig verändernden Welt. Materiell bin ich heute ein Anderer als gestern, weil sich meine Körperzellen ständig erneuern, doch als biologisches und geistiges Individuum bin ich derselbe.

Die Zeit ist der uns angeborene Maßstab, an dem wir die Geschehnisse ordnen und messen
- nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
- nach früher, später und gleichzeitig
- nach unterschiedlicher Dauer.

Die einfachen Unterscheidungen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie nach früher, später und gleichzeitig erfolgen durch die Verstandeslogik bzw. aufgrund der Erinnerung (des Gedächtnisses) und der Erwartung (im Sinne von geplanter Vorausschau). Die exakte Unterscheidung nach kurzer oder langer Dauer bedarf eines Maßstabs. Deshalb ist Zeit das Maß der Dauer.

An der Dauer eines bestimmten Vorgangs messen wir auch die Geschwindigkeit des Vorgangs. Daher ist die Zeit nicht nur das Maß der Dauer, sondern auch der Geschwindigkeit. Ein Beispiel dafür ist die Geschwindigkeit, mit der eine bestimmte Strecke zurückgelegt wird. Betrachten wir einen 100-Meter-Läufer. Zwischen dem Start (Ereignis 1) und der Ankunft auf der Ziellinie (Ereignis 2) liegt  eine Dauer, die mit 10 Sekunden gemessen wird.  Aus der Zahl der Sekunden können wir die Geschwindigkeit des Läufers berechnen nach der Formel v = s/t.  (Geschwindigkeit = Strecke je Zeiteinheit).  Aber auch die Geschwindigkeit physikalischer Vorgänge, chemischer Reaktionen und biologischer Prozesse wird an der Zeit gemessen. Der Begriff "Geschwindigkeit" setzt die Zeit voraus und ist ohne Zeit sinnlos.

Weil wir gedanklich jedes der unzähligen aufeinander folgenden Ereignisse in der Welt mit einem Zeitpunkt auf der Zeitskala verbinden, sprechen wir irrtümlich davon, dass die Zeit fließt. Doch wir täuschen uns. Nicht die Zeit verläuft, denn sie ist ein abstrakter Maßstab im Verstand, vergleichbar einem (endlosen) Meterstab. Sondern die Geschehnisse bilden einen Verlauf. Was wir als dahinfließend beobachten, sind die realen Geschehnisse und Veränderungen der Außenwelt. In Unkenntnis dessen, was genau Zeit ist - die angeborene Denkkategorie Zeit ist uns unbewusst -  bezeichnen wir seit jeher den Fluss der Geschehnisse unzutreffend als Fluss der Zeit.

Der britisch-australische Philosoph John J. C. Smart schreibt in "The River of Time" (1949): "Selbst die unkritischste Person wird vermuten, dass wir, wenn wir von der Zeit als einem fließenden Fluss reden, in einer irgendwie illegitimen Weise reden. Die Zeit ein Fluss, sagen wir zu uns selbst, ein komischer Fluss ist das. Aus was für einer Flüssigkeit besteht er? ... Wir sind sogar noch stärker beunruhigt, wenn wir uns fragen, wie schnell dieser Fluss fließt."

Schon Immanuel Kant hat die Vorstellung der dahinfließenden Zeit verworfen: "Wollte man der Zeit selbst eine Folge nacheinander beilegen, so müsste man noch eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre." und "...der Wechsel trifft die Zeit selbst nicht, sondern nur die Erscheinungen in der Zeit..."  (Kritik der reinen Vernunft). Damit bekräftigt Kant, dass wir jede Abfolge, jedes Nacheinander nur anhand der Verstandeskategorie "Zeit" erkennen und beschreiben können. Allerdings steht der zitierte Satz nicht in Kants grundlegenden Ausführungen über Raum und Zeit, sondern erst im zweiten Teil der "transzendentalen Elementarlehre". Aus diesem Grund ist diese Aussage des großen Philosophen nur wenig bekannt. Möglicherweise schien seinen Schülern und Interpreten der Satz, wonach die Zeit nicht verläuft, derart befremdlich und mit der gängigen Vorstellung unvereinbar, dass sie darüber hinweggelesen haben. In der Tat bedarf es einer bewussten Anstrengung, unsere spontane  Vorstellung vom Verlauf der Zeit durch den Gedanken zu ersetzen, dass die Zeit nicht verläuft, sondern das feststehende Maß für den Verlauf der realen Vorgänge in der Außenwelt ist.        

Die Frage, mit welcher Geschwindigkeit die Zeit fließt, geht ins Leere. Die Zeit fließt nicht. Außerdem ist Geschwindigkeit das mathematische Ergebnis aus Veränderung und Zeit, zum Beispiel aus zurückgelegter Strecke je Sekunde. Die Berechnung einer Geschwindigkeit setzt also die Zeit bereits voraus, weshalb der Zeit selbst keine Geschwindigkeit zugeordnet werden kann. Überdies hängt die Größe jeder Geschwindigkeit vom gewählten Bezugssystem ab. Es gibt aber kein Bezugssystem, an dem die Geschwindigkeit der Zeit gemessen werden könnte, sondern die Zeit selbst ist das Bezugssystem. 

Es führt auch nicht weiter, wenn wir die Frage in andere Worte fassen: Mit welcher Geschwindigkeit schreitet das Jetzt auf der Zeitskala voran? Denken und Tun geschehen in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Psychologen haben herausgefunden, dass unsere gefühlte Gegenwart etwa drei Sekunden beträgt. Nach Ablauf dieser drei Sekunden wird die Gegenwart zur Vergangenheit, und wir denken und handeln in einer neuen Gegenwart. Aus psychologischer Sicht schreitet also die Gegenwart im Drei-Sekunden-Takt voran.

Nicht die Zeit vergeht, sondern jeder gegenwärtige Zustand der Welt vergeht, weil der Zustand der Welt im nächsten Augenblick ein anderer ist. Aber weil unser Verstand selbständig und ohne dass uns dies bewusst ist, jeden Zustand der Welt mit einem Zeitpunkt auf der Zeitskala verbindet, sagen und denken wir, dass die Zeit vergeht.

Das vermeintliche Vergehen der Zeit ist die Hauptursache dafür, dass die Zeit bis heute letztlich als ein ungelöstes Rätsel gilt, das zu Widersprüchen und Zirkelschlüssen führt. Die Zeit vergeht und ist doch irgendwie ständig vorhanden. Reale Existenz scheint nur in der Zeit möglich, ohne dass man sagen könnte, was die Zeit ist.

Weil uns die Zeit als angeborene Denk- und Erkenntnisstruktur unbewusst ist, haben die Menschen von Natur aus keine genaue Vorstellung davon, was Zeit ist. Dadurch kommt es zu Irrtümern und unzutreffenden Theorien über die Zeit:  Die Zeit als ein Ding wie andere reale Dinge (Newton). Die Zeit als Eigenschaft der Dinge und der Welt (Relationismus). Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit verlaufende Zeiten (Relativitätstheorie). Die Identität von Raum und Zeit (Raumzeit von Hermann Minkowski). Die Zeit als Illusion (Einstein in späten Jahren).

Dagegen sagt die hier vorgelegte neue Theorie:

Zeit ist ein abstraktes Ordnungssystem im Verstand. Am Maßstab der Zeit ordnen und messen wir den Verlauf der Veränderungen der Außenwelt.

Nicht die Zeit verläuft, sondern die Geschehnisse bilden einen Verlauf

Dauer ist keine Zeit, sondern eine Relation zwischen Ereignissen.

Die Zeit ist das Maß der Relationen, d. h. die Größe oder "Länge" einer Dauer messen wir am Maßstab der Zeit.

Die Existenz von Dingen ist nicht mit Zeit, sondern mit Dauer verbunden. Weil wir aber eine Dauer in Zeiteinheiten (Sekunden) ausdrücken, wurde bisher begrifflich zwischen Dauer und Zeit kein Unterschied gemacht. Newton setzt sogar ausdrücklich beides gleich, indem er sagt, dass Dauer nur ein anderes Wort für Zeit ist.  

Geht es also nur um einen geänderten Gebrauch von Begriffen? Keineswegs. Es geht um den ontologischen Status der Zeit. Was ist Zeit?  Die Zeit ist kein selbständig existierendes Ding. Sie ist keine Eigenschaft der Welt und keine Relation zwischen den Dingen. Zeit ist ein abstraktes Ordnungssystem im Verstand. Außerhalb des Verstandes gibt es nichts, was man als Zeit bezeichnen kann.

Zeitmodus und Zeitordnung (Nr. 3) beruhen auf Leistungen des Gedächtnisses. Die Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit ist ursprünglich durch den Wechsel von Tag und Nacht entstanden. Es gibt nur eine Zeit, weil es nur eine Welt gibt.


8. Die Zeit ist objektiv, auch wenn es sie nur im Verstand gibt

Martin Heidegger erörtert in "Sein und Zeit" auch die Frage,  inwieweit die Zeit subjektiv und inwieweit sie objektiv ist. Die Frage stellt sich in Bezug auf die hier vorgestellte Theorie nicht. Diese meint ausdrücklich die objektive, als Maßeinheit definierte und auch als physikalisch bezeichnete Zeit, nicht aber die subjektiven Aspekte von Zeit z. B. im psychologischen oder existenzphilosophischen Kontext.

Nur am selben Ort beobachten die Menschen dieselben Ereignisse. An anderen Orten haben die Menschen andere Ereignisse im Blickfeld. Die Sonne geht in unterschiedlichen Gegenden der Welt zu unterschiedlichen Zeiten auf und unter. Doch daraus kann nicht gefolgert werden, dass die Zeit subjektiv wäre. Dazu sei hier noch einmal an folgende Gesichtspunkte erinnert:

- Maßeinheiten wie zum Beispiel Sekunden sind stets objektive Größen, auf die man sich einigt. Die Wahl der Maßeinheit ist eine Frage der Konvention. Die Sekunde geht auf die historische Einteilung des Sonnentages zurück. Heute ist die Sekunde exakt definiert auf der Grundlage bestimmter Schwingungszustände des Caesium 133-Atoms.

- Die Zeit ist objektiv, weil im Verstand eines jeden Menschen von Natur aus dieselbe Vorstellung der einen, gleichmäßig verlaufenden Zeit gegeben ist. Die Ursache dafür liegt in der Prägung des Verstandes durch die Evolution. Die evolutionären Bedingungen für die Entstehung der Zeit, vor allem in Form des Wechsels von Tag und Nacht,  waren überall auf der Erde dieselben. Für den Verstand gibt es von Natur aus nur eine Welt und daher nur eine Gegenwart.

- Wenn der Zeitpunkt, den ich mit "Jetzt" bezeichne, überall derselbe ist, so ist Gleichzeitigkeit nicht nur objektiv, sondern absolut. Das gemeinsame Jetzt, mit dem wir alle den augenblicklichen Zustand der Welt bezeichnen, ist eine logische Verstandesgewissheit.

- Daneben wird der Bezug zwischen Verstand und Außenwelt auch hergestellt durch die Zeit als Maß der Dauer. Mit Hilfe der Zeit ordnen wir die Aufeinanderfolge der Geschehnisse nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zählen  und messen wir den Verlauf der Geschehnisse nach Tagen, Stunden und Sekunden.

- Das Einordnen historischer Ereignisse in den Kalender kann als Erweiterung der Zeitskala in die Vergangenheit gesehen werden. Ereignisse, die in der Erinnerung des Einzelnen längst verblasst sind oder sich vor unserer Geburt ereignet haben, werden durch die Historiker in den Kalender eingeordnet und auf diese Weise in  einem kollektiven Gedächtnis festgehalten. Dass unterschiedliche Kalender verwendet wurden und werden, ist ohne Belang. Die Komputistik (wissenschaftliche Kalenderkunde) befasst sich u.a. mit der Umrechnung von kalendarischen Daten.


9. Was ist eine Uhr?

Um die Dauer zwischen zwei Ereignissen (oder den Abstand zwischen zwei Zeitpunkten) zu messen, benötigen wir als Werkzeug eine Uhr. Aus der Physik wissen wir, dass jeder gleichmäßig verlaufende oder sich in gleichmäßigen Perioden wiederholende physikalische Vorgang als Uhr geeignet ist. Beispiele dafür sind die Sanduhr, die Schwingungen eines Pendels, die Erdrotation, die zum Wechsel von Tag und Nacht führt. Wobei das Wort "Zeitmessung" nicht eigentlich zutrifft, denn was wir messen, ist eine Dauer. Der Maßstab für die Dauer ist die Zeit. Man kann die gebräuchlichen  Uhren als Messgeräte bezeichnen, die gleichmäßige Zeiteinheiten - zum Beispiel Sekunden - zählen. Die Anzahl der Sekunden zwischen zwei Ereignissen sagt uns, welche Dauer zwischen zwei Ereignissen (oder Zeitpunkten) liegt.

Schon Newton traf die Unterscheidung zwischen der absoluten, gleichmäßig verlaufenden Zeit und der mit Uhren gemessenen relativen Zeit. Relativ, weil keine Uhr vollkommen gleichmäßig geht. Newtons Hoffnung richtete sich darauf, dass der Fortschritt von Wissenschaft und Technik gleichmäßig gehende Uhren ermöglichen werde. Diese Hoffnung wurde durch die modernen Atomuhren weitgehend erfüllt. Allerdings können Atomuhren, auch wenn man Störungen beispielsweise durch wechselnde Temperatur oder Schwerkraft weitgehend ausschließt, im Lauf von einer Millionen Jahren theoretisch immer noch um eine Sekunde vom gleichmäßigen Gang abweichen.

Die übliche Uhr besteht aus einem festen Zifferblatt mit der Zeitskala und aus einem gleichmäßig voranschreitenden Zeiger, der die abgezählten Sekunden auf der Skala anzeigt. (Der Einfachheit halber gehe ich von einer Uhr mit Sekundenzeiger aus). Wenn die Skala nicht geradlinig ist, sondern die Form eines runden Zifferblatts hat, so hat das lediglich technische Gründe. Ein rotierender Zeigerantrieb lässt sich einfacher realisieren als ein linear bewegter Zeiger. Da außerdem die Länge einer linearen Skala technisch begrenzt ist, müsste der am Ende der Skala angelangte Zeiger ohne Verzögerung auf den Anfang zurückspringen. Dagegen gelangt bei einem runden Zifferblatt der Zeiger nach jeder Umdrehung automatisch wieder zu einem mit "Null" bezeichneten Punkt auf der endlosen Zeitskala. - Mit der Einführung elektronischer Bauteile werden Zeiger und Skala häufig durch eine digitale Anzeige der gezählten Zeiteinheiten (z.B. Sekunden) ersetzt.

Der Physiker, Zeitphilosoph und Newton-Interpret Ed Dellian schreibt Uhren ohne Zifferblatt und Zeiger einer Zivilisation zu, die ihr Weltbild unkritisch gläubig von den Dogmen der modernen Physik her bezieht. Erst die Skalierung macht das Zifferblatt zu einem Maßstab. "Also ohne Zifferblatt...auch keine wirkliche Uhr." (Dellian: Isaac Newton über absolute und relative Zeit - ein aktueller Beitrag zur Lösung des Zeiträtsels. Im Internet unter neutonus-reformatus.de). 

Während in den frühesten Kulturen die Zeit nach Tagen im Kalender abgezählt wurde, macht heute die Uhr im Prinzip dasselbe auf einer kleinteiligeren Skala mit Sekunden und Bruchteilen von Sekunden. An der Uhr wird die Zeit sichtbar. Die Skala auf dem Zifferblatt steht für den Zeitmaßstab. Der gleichmäßig laufende Zeiger generiert gleichmäßige Sekunden und zählt sie auf dem Maßstab ab.

Auch ein Grundgedanke der vorliegenden Zeittheorie wird durch die Uhr anschaulich. Wir glauben am Sekundenzeiger den Lauf der Zeit zu beobachten. Doch dies ist ein Irrtum. Die Zeit wird dargestellt durch das Zifferblatt mit der festen Zeitskala. Die Zeit ist ein Ordnungssystem, das nicht fließt. Was sich bewegt, ist der Zeiger. Er ist Symbol und zugleich realer Bestandteil der materiellen Welt, die ständig im Fluss ist. Bei jeder Stellung des Zeigers ist die Welt in einem bestimmten Zustand. Auch der Zeiger selbst ist ein Teil der Welt, die sich von Sekunde zu Sekunde verändert. - An Uhren mit anderem technischen Design, zum Beispiel wenn sich das Zifferblatt statt des Zeigers dreht oder bei Uhren mit digitaler Anzeige, wird diese Symbolik nicht sichtbar.

Die Uhr liefert auch einen Beweis dafür, dass die Zeit mit ihrer Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht etwa eine Illusion ist (wie manche in Anlehnung an eine ursprünglich von Einstein stammende Idee glauben), sondern dass die reale Welt tatsächlich nach  Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden ist. Ein vergangener Zustand der Welt existiert nicht mehr real, sondern nur in unserer Erinnerung. Aus diesem Grund können wir mit der Uhr nur von der realen Gegenwart in eine Zukunft messen, welche am Ende des Messvorgangs reale Gegenwart ist. Dagegen kann die Uhr nicht rückwärts in die Vergangenheit messen, weil vergangene Ereignisse nicht mehr real existieren.

Eine gemessene Dauer hängt auch von der Genauigkeit der Uhr ab. Nicht aber hängt die Zeit als abstraktes Ordnungssystem vom Gang der Uhr ab. Wenn die Uhr ungleichmäßig geht, so korrigieren wir die Uhr, nicht die Zeit.


10. Die Uhrzeit

Häufiger als zur sogenannten Zeitmessung werden Uhren im Alltag für einen anderen Zweck verwendet. Schon in der Antike verwendete man Sonnenuhren, um eine gemeinsame Zeit zu verabreden. Die moderne Zivilisation funktioniert nur mit einheitlichen Terminen, zum Beispiel um Fahrpläne zu erstellen, den Arbeits- und Schulbeginn und andere Termine festzulegen. Zu diesem Zweck werden Zeitzonen mit einheitlicher Zeit festgelegt. Eine Referenzuhr gibt die Uhrzeit für die gesamte Zeitzone an, und wer Termine einhalten oder die Eisenbahn nicht versäumen will, der richtet seine Uhr nach der Referenzuhr, das heißt nach der für die Zeitzone festgelegten Uhrzeit.  Die für alle verbindliche Uhrzeit hat also eine wichtige soziale und technische Funktion. Sie bestimmt den Takt für den Arbeitsrhythmus der Gesellschaft und ihrer Mitglieder.

Das Wesen bzw. der ontologische Status der Uhrzeit ist weitgehend unbestritten. Im Gegensatz zu der aus dem Zusammenspiel von Tag-Nacht-Wechsel und Evolution entstandenen natürlichen Zeit ist die Uhrzeit eine technisch-zivilisatorische Errungenschaft. Die Uhrzeit hat den Zweck, innerhalb einer räumlich definierten Zeitzone den Tag mithilfe von Uhren einzuteilen. Ursprüngliche Uhr war die Sonne, dann verwendete man Sonnenuhren.  Erst mit der Erfindung hinreichend genau gehender mechanischer Uhren konnte jeder Zeitpunkt eines Tages mit einer exakten Uhrzeit benannt werden.
Die Uhrzeit ist auf Uhren angewiesen, weil sie durch Uhren generiert wird.  

Schon vor Jahrzehnten hat man sich auf eine wissenschaftlich-technische Weltzeit (WZ) geeinigt, die auch bekannt ist als Greenwich Mean Time (GTM) oder Universal Time (UT), wobei wir an dieser Stelle nicht eingehen müssen auf astronomische Unterschiede zwischen Sonnen- und Sternentagen oder tropischem, gregorianischem und siderischem Jahr. Die Weltzeit in diesem Sinne ist eine technische Uhrzeit. Sie ist Bezugszeit für die anderen gebräuchlichen Zeitzonen, die rund um den Globus eingerichtet wurden und umfasst auch die durch die Raumfahrt bisher erschließbaren Bereiche.

In der Natur gibt es keine Uhrzeit. Es gibt gleichmäßig verlaufende physikalische Vorgänge wie die Erdrotation oder die Schwingungen von Atomen oder Pendeln. Aber gleichmäßige physikalische Vorgänge sind keine Zeit. Sie sind auch keine Uhrzeit, sondern als Uhren verwendbar. Die ursprüngliche Uhr ist der Lauf der Sonne. Die Uhrzeit beruht auf Konvention und gesetzlicher Vorschrift und regelt in erster Linie das soziale Zusammenleben und das Funktionieren der technischen Zivilisation.

Der natürliche Wechsel von Tag und Nacht ist keine Zeit, sondern verursacht die Zeit, die ausschließlich eine Sache des Verstandes ist. Dass es die Zeit in der Natur gibt, könnte man nur in dem Sinne sagen, dass auch der Verstand ein Teil der Natur ist. Jedoch ist die Unterscheidung zwischen Natur und Verstand im Sinne von Außenwelt und Innenwelt eine Vorbedingung für die Gewinnung des Zeitbegriffs. (Anmerkung: Im Sinne der Evolution wird die Zeit als Verstandeskategorie durch eine Uhr, nämlich den Lauf der Sonne, generiert. Unzutreffend ist aber der Standpunkt der theoretischen Physik seit Einstein, Zeit werde durch Uhren generiert.)   



11. Schluss

Das Gleichmaß der Zeit wird herkömmlich beschrieben als gleichmäßig verlaufende Zeit. Die absolute Gleichzeitigkeit wird beschrieben als die eine Zeit, die überall dieselbe ist. Beide Vorstellungen von Zeit sind uns in Form dieser herkömmlichen Beschreibung angeboren. Die gleichmäßige, universelle Zeit ist neben dem Raum eine notwendige Grundform unserer Anschauung, ist Grundlage von Denken und Erkennen, wie Immanuel Kant lehrte.

Der Unterschied zwischen der Zeit als Maß der Dauer und der absoluten Gleichzeitigkeit folgt aus ihren unterschiedlichen Grundlagen. Die abgezählte Zeit misst das Nacheinander der Dinge und Ereignisse. Die absolute Gleichzeitigkeit beruht auf dem Nebeneinander, welches zu einem bestimmten Zeitpunkt besteht.

Denkbar wäre, die absolute Gleichzeitigkeit auch als Weltzeit zu bezeichnen, um sie von der abgezählten Zeit zu unterscheiden. Weltzeit würde dann bedeuten, dass die Zeit keiner räumlichen Begrenzung unterliegt, sondern dass jeder Zeitpunkt überall derselbe ist.  Allerdings wird die einheitliche Uhrzeit bereits als Weltzeit bezeichnet. Auch ist der Begriff der Weltzeit in anderen Zeittheorien schon mit anderen Bedeutungen besetzt. Überdies konnten erst mit der Relativitätstheorie Einsteins - weil sie Beobachtung und Wirklichkeit gleichsetzt - Zweifel daran aufkommen,  dass in jedem Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, überall in der Welt gleichzeitige Ereignisse stattfinden, unabhängig davon ob ich sie beobachten kann oder überhaupt jemals Kenntnis von ihnen erhalte. 

Unser Ausgangspunkt war die Frage, was die objektive, physikalische Zeit ist. Am Ende stellen wir fest, dass der Begriff der objektiven Zeit unterschiedliche Aspekte aufweist.

Die Zeit ist ihrer Natur nach das Maß für Dauer und Geschwindigkeit materieller Vorgänge oder Veränderungen. Sie ist uns ursprünglich als Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit angeboren und wird bestätigt durch die Verwendung der Sekunde als physikalische Maßeinheit. Die Vorstellung vom Verlauf der Zeit trifft jedoch nicht zu. Nicht der Zeitmaßstab verläuft, sondern die Veränderungen und Ereignisse der Welt bilden einen Verlauf, den wir am Maßstab der Zeit messen. 

Ein zweiter Aspekt ist die absolute Gleichzeitigkeit. Die Gewissheit ist uns angeboren, dass jeder Zeitpunkt überall derselbe ist. Sie wird bestätigt durch den reflexiven Bezug auf die Welt als Ganzes, die in jedem Augenblick in einen bestimmten Zustand ist. Das "Jetzt" ist räumlich nicht begrenzt. Wenn jeder Zeitpunkt, den ich mit "Jetzt" bezeichne, überall derselbe ist, so gibt es nur eine Zeit.

Drittens ist die Uhrzeit gegenüber dem Zeitbegriff abzugrenzen. Die Uhrzeit kommt in der Natur nicht vor, sondern ist eine technische und soziale Einrichtung, die durch Konvention und Gesetz festgelegt wird. Sie ermöglicht das Funktionieren der technischen Zivilisation und regelt in erster Linie das soziale Zusammenleben, findet aber auch in der Wissenschaft Anwendung.