Samstag, 13. August 2022

Nicht die Zeit verrinnt - die Welt verändert sich

 "Die Zeit verrinnt, Nacht folgt auf Nacht,

und immer noch die Katze träumt ..."           (Oscar Wilde)


(zuletzt bearbeitet im Februar 2023)

Dies  ist nur eines von unzähligen Beispielen aus Literatur und Philosophie, in denen das Verrinnen der Zeit geschildert wird. Nach unserer alltäglichen Vorstellung, die jedem von uns als selbstverständlich gilt, fließt die Zeit dahin. Doch die notwendig daraus folgende Frage, mit welcher Geschwindigkeit die Zeit verläuft, kann niemand vernünftig beantworten. 

Manche versteigen sich in ihrer Ratlosigkeit zu der Überlegung, die Zeit sei eine Illusion. Denn die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Zukunft existiert noch nicht, und die Gegenwart sei lediglich die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Solche Gedankenakrobatik übersieht jedoch, dass die Zeit nicht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht, sondern die Zeit befähigt uns dazu, vorher, jetzt und nachher in der realen Welt zu unterscheiden. - Schon Einstein schrieb in seinen letzten Jahren, als ihn Zweifel an seinen eigenen Theorien plagten, die Zeit sei eine Illusion. Das war die logische Konsequenz aus der Relativitätstheorie, nach der die Zeit von der Geschwindigkeit abhängt. Wenn aber in der Welt alles mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in Bewegung ist, kann man Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr unterscheiden. 

Die Zeit besteht nicht in der endlosen Abfolge von Tagen und Nächten, sondern wir ordnen und messen diese Abfolge am Maßstab der Zeit. Schon Immanuel Kant hat die Vorstellung der dahinfließenden Zeit verworfen. "Wollte man der Zeit selbst eine Abfolge nacheinander beilegen, so müsste man noch eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre." (Kritik der reinen Vernunft). Damit bekräftigt Kant, dass wir jede Abfolge, jedes Nacheinander, nur anhand der Verstandeskategorie "Zeit" erkennen und beschreiben können. Diese Aussage Kants ist kaum bekannt. Ich vermute, dass der Satz, wonach die Zeit nicht aus einer Abfolge besteht und somit nicht verläuft, seinen Schülern und Interpreten derart frappierend und mit der gängigen Vorstellung unvereinbar erschien, sodass sie darüber hinweggelesen haben. (Sollte ich mit dieser Vermutung dem einen oder anderen Kant-Experten unrecht tun, bitte ich um Nachsicht).

Ich gebe zu, der Gedanke wirkt etwas befremdlich und bedarf bewusster Überlegung. Der Blick auf eine gewöhnliche Uhr mit Sekundenzeiger mag dabei hilfreich sein. Der Zeiger symbolisiert nicht den Fortgang der Zeit, sondern ist ein Teil der realen Welt, die sich von Sekunde zu Sekunde verändert. Die Zeit wird dargestellt und abgelesen auf der feststehenden Skala, die nach jeder vollen Zeigerumdrehung wieder bei Null beginnt und dadurch endlos ist. *) 

Für manche Erkenntnisse des großen Philosophen war die Welt um 1800 vielleicht noch nicht reif. Um so mehr trifft dies heute zu, da die Wissenschaft uns erzählt, Raum und Zeit seien physikalische Dinge, die in rätselhaften Wechselwirkungen mit der Materie stünden.

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 *) Das Beispiel mit der Uhr beweist nichts, denn es gibt auch Uhren, bei denen sich die Zeitskala dreht und der Zeiger feststeht. Das Beispiel soll nur helfen, die gewöhnungsbedürftige Vorstellung zu veranschaulichen, dass die Zeit nicht dahinfließt, sondern ein festes Maß ist. Was dahinfließt, sind die ständig wechselnden Veränderungen der realen Welt. 


PS.: Inzwischen bin ich auf ein gegenteiliges literarisches Zitat gestoßen: "Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen."  (Mascha Kaleko)         





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