Montag, 9. März 2015

Newton: Die absolute Zeit

Nach Newton sind Raum und Zeit absolut in dem Sinne, dass sie für sich Bestehendes, eigenständig Seiendes sind. So jedenfalls wird er allgemein interpretiert. *)

"Die absolute, wahre und mathematische Zeit fließt an sich und ihrer Natur nach gleichmäßig, ohne Beziehung auf äußere Gegenstände. Mit einem anderen Wort wird sie auch als Dauer bezeichnet."

Mit diesen Worten beschreibt Isaac Newton (1642 - 1727) die absolute Zeit. Newton war der Meinung, dass die absolute Zeit etwas Selbstverständliches sei, das man nicht näher erklären müsse. Der Grund dafür ist einfach. Newton beschreibt die uns allen angeborene Vorstellung von Zeit: Es gibt nur eine Zeit, und sie verläuft gleichmäßig. Die Erkenntnis, dass die Zeit eine angeborene Verstandeskategorie ist, hatte allerdings erst hundert Jahre später Immanuel Kant.

Wenn Newton die Zeit auch als Dauer bezeichnet, so scheint dies nur vordergründig den Relationismus seines Kontrahenten Leibniz zu stützen. Tatsächlich ist es aber ein grundlegender Unterschied, ob man die Zeit als ein existierendes Ding (Newton) oder als Relation zwischen Ereignissen (Leibniz) auffasst.

Von Newton stammt auch der Begriff der relativen Zeit (oder Dauer). So bezeichnete er die mit Hilfe von Bewegung gemessene Zeit - im lateinischen Original "Durationis per motum mensura", in der Übersetzung von Motte 1729 "measure of Duration by the means of motion." Es läuft hinaus auf die mit Uhren gemessene Zeit, mit Uhren, die mehr oder weniger, aber nie vollkommen gleichmäßig gehen,sei es die Erdrotation, seien es die Schwingungen eines Pendels. Newtons Hoffnung richtete sich darauf, dass der gleichmäßige Gang der Uhren durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik stets verbessert werde. Diese Hoffnung hat sich durch die modernen Atomuhren, die in mehreren Millionen Jahren theoretisch nur um eine Sekunde vom gleichmäßigen Gang abweichen, weitgehend erfüllt.

Die absolute Zeit hat nach Newton drei Merkmale:

-  sie ist universell, das heißt es gibt nur eine Zeit, die überall die selbe ist

-  sie verläuft gleichmäßig

-  sie existiert unabhängig von anderen Dingen und ist daher "Substanz" im Sinne eines eigenständig existierenden Dings. Diese Auffassung wird als "Substantialismus" bezeichnet, im Gegensatz zum "Relationismus" von Leibniz.


Die universelle Zeit:
Anders als ein Raumpunkt, der einen bestimmten Ort bezeichnet, unterliegt ein Zeitpunkt keiner räumlichen Beschränkung. Jeder Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, ist im gesamten Universum der selbe. In jedem Augenblick geschehen überall gleichzeitig unzählige Ereignisse. Die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse ist eine reale Tatsache, die nicht von den relativen Wahrnehmungen unterschiedlicher Beobachter abhängt. Wenn jeder Zeitpunkt überall der selbe ist, so bedeutet dies, dass überall die selbe Zeit gegeben ist.
Es gibt nur eine Welt. Die Welt als Ganzes befindet sich in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand, so dass jeder Augenblick überall der selbe ist. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Welt als Ganzes nicht gleichzeitig existieren.


Die gleichmäßig verlaufende Zeit:
Nur mit der gleichmäßig verlaufenden Zeit ist ein festes Zeitmaß gegeben. Gleichmäßig verlaufende Zeit bedeutet, dass eine Sekunde stets die gleiche Dauer hat. Deshalb kann die Zeit nur mit gleichmäßig gehenden Uhren gemessen werden. Damit ist der gleichmäßige Verlauf der Zeit ein logisch-mathematisches Prinzip, auf dem die Zeitmessung und die Idee der Uhr beruht. Nicht ohne Grund bezeichnet Newton die absolute Zeit auch als mathematische Zeit - was allerdings nicht zur Zeit als Substanz passt.
Die moderne Physik argumentiert, es könne keine absolute Zeit geben, weil es dafür kein Bezugssystem in der Natur gibt. Sie verkennt dabei, dass die Zeit als abstraktes Ordnungssystem so wenig wie die Mathematik eines materiellen Bezugs bedarf.



Die Zeit als Substanz:
Hier liegt der Schwachpunkt von Newtons Zeitbegriff. Der Substantialismus kann nicht erklären, was die Zeit ist, die unabhängig von anderen Dingen existiert. Newton selbst erklärte Raum und Zeit als Organe Gottes, was Ausdruck seiner religiösen Überzeugung war. Heute vermutet man dahinter auch die Absicht, dem Verdacht der Gotteslästerung entgegenzuwirken. Denn absolut konnten nur Gott und seine Organe sein, nicht aber die von ihm geschaffenen Dinge.

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*) "Substanz" bezeichnet in der Metaphysik ein selbständig Seiendes. Weil Newton die absolute Zeit als unabhängig von anderen Dingen beschreibt, wurde seine Auffassung durch die Nachwelt als substantialistisch bezeichnet. Welche Art von selbständig Seiendem Raum und Zeit sind, dazu hat Newton nur wenig Erhellendes gesagt. Ed Dellian, der Herausgeber einer deutschsprachigen Ausgabe der "Principia mathematica" (Hamburg 1988) vertritt die Auffassung, dass eine Neuinterpretation von Newton angebracht ist. Seine Analyse von Newtons weithin unverstandenen Ausführungen kommt zu dem Ergebnis, dass bei Newton der absolute Raum und die absolute Zeit als unveränderliche Maßstäbe dienen (Ed Dellian: Isaac Newton über absolute und relative Zeit - ein aktueller Beitrag zur Lösung des Zeiträtsels).

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