Donnerstag, 19. Juni 2014

Zeitpunkt, Ereignis, Dauer

In unserem Denken fällt ein bestimmtes physikalisches Ereignis zusammen mit einem bestimmten Zeitpunkt. Durch ein Ereignis ändert sich ein Zustand, und wir unterscheiden den Zustand vor dem Ereignis und den Zustand nach dem Ereignis. Das Ereignis führt also zu einer Veränderung. (Und ein Attribut von Veränderung ist Zeit. Ohne Veränderung keine Zeit.)

Ein physikalisches Ereignis stellen wir uns als augenblicklichen Vorgang vor, der keine Dauer beansprucht. Zeitpunkt und Ereignis fallen zusammen. Doch andererseits beansprucht ein Vorgang (eine Veränderung) eine bestimmte Dauer. Auch Bewegungen sind Veränderungen, nämlich Ortsveränderungen von Dingen. Je nachdem ob die Veränderung kurz oder lang dauert, sprechen wir von unterschiedlicher Geschwindigkeit der Veränderung oder Bewegung.

Die Unterscheidung zwischen Ereignis und Veränderung hängt auch von der Skalierung ab. Wenn wir in Millisekunden messen und rechnen, so werden viele Augenblicksereignisse zu Veränderungen, die eine Dauer beanspruchen. Das Aufleuchten einer Glühlampe, das wir als Augenblicksereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrnehmen, wird zu einem Vorgang, der eine bestimmte Anzahl von Millisekunden dauert und bei dem verschiedene Phasen unterscheidbar sind.

Unsere Wahrnehmung ist geprägt durch die Geschwindigkeit, mit der wir Sinneseindrücke aufnehmen und verarbeiten können. Optisch wahrnehmbare Ereignisse, die eine bestimmte Dauer unterschreiten, nehmen wir nicht bewusst wahr. Wir nehmen nur den Zustand vor dem Ereignis und nach dem Ereignis wahr. Aus diesem Grund sehen wir im Kino keine Einzelbilder, aus denen der Film besteht, sondern kontinuierliche Bewegungen.

Der technische Fortschritt ermöglicht es, Nanosekunden zu messen. Je kleinteiliger die Skalierung, um so mehr erkennen wir Ereignisse, die wir mit einem bestimmten Zeitpunkt verbinden, als Vorgänge von einer bestimmten Dauer. Wird dadurch unser natürliches Denken widerlegt? Nein, im Gegenteil! In unserem Denken war der Zeitpunkt schon immer ein unendlich kleiner Punkt auf der Zeitskala. Daher verändert in diesem Fall nicht der technische Fortschritt das Denken, sondern der technische Fortschritt - nämlich die Zeitmessung mit einer immer kleinteiligeren Skala - hinkt dem Denken schon immer hinterher. In der Praxis ist die Unterscheidung zwischen Zeitpunkt und Dauer eine Frage der Skalierung, doch der logische Verstand wusste schon immer, dass der Zeitpunkt beliebig klein ist. Der logische Verstand gibt das Ziel einer möglichst kleinteiligen Zeitmessung vor. Die Technik versucht dieses Ziel zu erreichen, kann aber niemals die Logik des Denkens mit der Behauptung in Frage stellen, der Fortschritt der Zeitmesstechnik beweise, dass unsere Begriffe von Zeitpunkt und Dauer unscharf seien. Nicht die Begriffslogik gerät an Grenzen, sondern die Messtechnik.

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