Dienstag, 12. November 2013

Die absolute Zeit

Eine philosophische Polemik gegen die relative Zeit

Die absolute Zeit ist durch zwei Merkmale gekennzeichnet: die Universalität und den gleichmäßigen Verlauf.

Universelle Zeit
Im Gegensatz zu einem Raumpunkt, der einen bestimmten Ort bezeichnet, unterliegt ein Zeitpunkt seiner Natur nach keiner räumlichen Beschränkung. Jeder Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, ist im gesamten Universum der selbe. Dessen sind wir uns von Natur aus gewiss. Weil die Zeit universell ist, sind Zeitpunkte stets auch Gleichzeitigkeitspunkte. In einem zweidimensionalen Raum-Zeit-Diagramm durchschneidet die Gleichzeitigkeitsgerade den gesamten Raum.

In jedem mit "Jetzt" bezeichneten Augenblick geschehen überall in der Welt gleichzeitig unzählige Ereignisse. Die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse ist eine Tatsache, die unabhängig davon gegeben ist, ob ich diese Ereignisse beobachten oder ihre Gleichzeitigkeit messen kann. Gleichzeitigkeit ist eine Tatsache, die nicht von den relativen Beobachtungen unterschiedlicher Beobachter abhängt. Wenn jeder Zeitpunkt überall der selbe ist, so bedeutet dies, dass Gleichzeitigkeit absolut ist, so dass überall die selbe, absolute Zeit gegeben ist.

Die universelle Zeit folgt daraus, dass die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen eine objektive Tatsache ist, unabhängig von den Sinneseindrücken unterschiedlicher Beobachter, und unabhängig davon ob wir in der Lage sind, die Gleichzeitigkeit im Einzelfall zu beobachten oder zu messen. 

Die universelle Zeit beruht ausserdem auf der Tatsache, dass wir in einer Welt leben. Die Welt als Ganzes befindet sich in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand, der sich von Augenblick zu Augenblick ändert. Jeder Augenblick, in dem sich die Welt als Ganzes in einem bestimmten Zustand befindet, ist in der ganzen Welt derselbe.

Nach der Relativitätstheorie verläuft die Zeit in unterschiedlich bewegten Systemen unterschiedlich. Wäre dies der Fall, so würde die Welt als Ganzes nicht gleichzeitig existieren. Da alles in ständiger Bewegung ist, wären Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht zu unterscheiden.

Die Relativitätstheorie bestreitet die Gleichzeitigkeit als objektive Tatsache. Sie definiert als gleichzeitig, was ein Beobachter gleichzeitig wahrnimmt. Da die Wahrnehmung unterschiedlicher Beobachter von der jeweiligen Lichtlaufzeit abhängt, wird Gleichzeitigkeit durch diese Definition relativ.

Aufgrund unserer natürlichen menschlichen Begrenztheit können wir die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen außerhalb unseres Sichtfeldes nicht unmittelbar beobachten, sondern nur mit technischen Hilfsmitteln feststellen, welche ebenfalls an Grenzen gelangen mögen. Es gibt keinen Grund dafür, warum die Erfahrung von absoluter Gleichzeitigkeit, die wir innerhalb unseres unmittelbaren Sichtfeldes machen, nicht über dieses Sichtfeld hinaus gelten sollte. Wir wissen außerdem, dass wir bei großen Entfernungen zwischen Beobachter und Objekt die Lichtlaufzeit berücksichtigen müssen, um zu exakten Zeitmessungen zu kommen. Daher ist die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen eine reale Tatsache, an der nichts relativ ist. Relativ sind lediglich die Sinneseindrücke unterschiedlicher Beobachter infolge unterschiedlicher Lichtlaufzeiten.
    

Gleichmäßig verlaufende Zeit 
Die gedankliche Vorstellung eines gleichmäßigen Zeitverlaufs ist uns angeboren. Doch unser Zeitempfinden ist sehr ungenau. Es reicht hin, um Sekunden von Minuten oder um Minuten von Stunden zu unterscheiden. Unser Zeitgefühl reicht - evolutionstheoretisch betrachtet - unter natürlichen Lebensbedingungen zum Überleben. Deshalb sind wir zur Zeitmessung auf Uhren als Hilfsmittel angewiesen. Um Zeitrelationen exakt zu vergleichen, brauchen wir eine Uhr als festes Maß, so wie wir zum exakten Vergleich von Raumrelationen einen Meterstab brauchen. Die Uhr taugt aber zum Vergleich von Zeitrelationen nur, wenn sie möglichst gleichmäßig geht. Im Idealfall sollte sie die absolute Zeit abbilden. Nur in der Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit ist ein festes Zeitmaß gegeben. Die absolute Zeit ist also keine metaphysische Idee, wie Ernst Mach kritisierte, sondern eine unerlässliche Abstraktionsleistung des Verstandes, um Zeitrelationen vergleichen und messen zu können.

Die gleichmäßig verlaufende Zeit folgt daraus, dass Zeitrelationen nur verglichen und gemessen werden können, wenn die als Zeitmaß gewählte Zeitspanne (zum Beispiel eine Sekunde) stets die selbe Dauer hat. Die gleichmäßig verlaufende Zeit ist ein logisch-mathematisches Prinzip, auf dem das Prinzip der Uhr und der Zeitmessung beruht.

Nach der Relativitätstheorie gibt es kein einheitliches Zeitmaß, weil die Zeit in unterschiedlich bewegten Systemen unterschiedlich verlaufen soll.

Unter der Herrschaft des Zeitgeistes um 1900  war offenbar kein Platz für die Einsicht, dass die gleichmäßig verlaufende absolute Zeit ein logisch-mathematisches Prinzip ist, auf dem die Zeitmessung beruht. Ebenso wurde infolge des gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Naturwissenschaft herrschenden Empirismus, insbesondere auch unter dem Einfluss des Sensualismus von Ernst Mach ignoriert, dass die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen eine objektive und reale Tatsache ist, die unabhängig von jeder Beobachtung und Messung gegeben ist, woraus zwingend die absolute Zeit als universelle Zeit folgt.

(veröffentlicht am 9. März 2011, durchgesehen am 8. März 2015)

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