Sonntag, 11. August 2013

Ist die Zeit eine Jllusion?

Wenige Wochen vor seinem Tod schrieb Einstein im März 1955 an die Hinterbliebenen seines Weggefährten und Freundes Michele Besso: "Nun ist er mir auch mit dem Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Dies bedeutet nichts. Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion."

Diese als Trost gedachten Worte haben allerdings auch einen Hintergrund, der Einstein als Konsequenz aus seiner Theorie in reiferem Alter offenbar bewusst war. Nach der Relativitätstheorie verläuft die Zeit in unterschiedlich bewegten Systemen unterschiedlich, so dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Weil nach der Relativitätstheorie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig stattfinden, haben Physikphilosophen den Ausweg gesucht, die Zeit als Illusion zu deuten. Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Die Zukunft existiert noch nicht. Die Gegenwart ist lediglich die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Als Grenze hat sie keine Ausdehnung, ist sozusagen nichts. Also sind  Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lediglich Illusionen, die uns der Verstand vorspiegelt. Auch muss die Gegenwart zwangsläufig eine Illusion sein, weil es nach der Relativitätstheorie keine absolute Gleichzeitigkeit gibt, sprich der gegenwärtige Augenblick ist nur ein subjektiver Eindruck. Derartige Ausführungen sind in renommierten Wissenschaftszeitschriften heute durchaus salonfähig.

Vergangenes wird nicht zur Illusion, weil es nicht mehr materiell existiert. Der gegenwärtige Augenblick ist keine Illusion, nur weil man ihn mathematisch beliebig klein denken kann oder weil es nach der Relativitätstheorie keine reale Gleichzeitigkeit gibt. Die Zukunft ist keine Illusion, so lange die Welt nicht untergeht. Der illusionistischen Wortlogik fehlt der Bezug zur Wirklichkeit. Die Zeit ist keine Illusion, sondern wir erfahren sie auf allen Ebenen der Wirklichkeit:

- Zeit als Eigenschaft der materiellen Welt, weil sie auf der Grundlage der Aufeinanderfolge von Veränderungen entsteht

- Zeit als angeborene Kategorie unseres Denkens und Erkennens, als eine abstrakte Ordnungsstruktur, die durch die evolutionäre Entwicklung des Verstandes aufgrund der in der Außenwelt beobachteten Veränderungen entsteht

- Zeit als logisch-mathematisches Prinzip, auf dem die Idee der Uhr beruht.



      

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