Donnerstag, 16. Juli 2015

Theorie der Zeit

Zusammenfassung:
Die Zeit ist kein physikalisches Ding und keine Eigenschaft von Dingen, sondern ein abstraktes Ordnungs- und Maßsystem. Der gleichmäßige Wechsel von Tag und Nacht ist der Ursprung der Zeit. Durch die evolutionäre Entwicklung des menschlichen Verstandes entsteht die Zeit als angeborene Vorstellung. Nicht die Zeit verläuft, sondern die realen Vorgänge und Zustände der Welt fließen dahin. Mit dem auf der Zeitskala gleichmäßig voranschreitenden Uhrzeiger messen wir die Dauer von Geschehnissen und Veränderungen. Daraus entsteht das Streben nach gleichmäßig gehenden Uhren. Es gibt nur eine Zeit, weil sich die Welt als Ganzes  in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand befindet.


Gegenstand dieser Theorie ist die Zeit, die als Maßeinheit definiert wird oder als messbar verstanden wird und oft als physikalische oder objektive Zeit bezeichnet wird. Sie ist zu unterscheiden von gefühlter Zeit, die Gegenstand der Psychologie ist. Sie ist auch zu unterscheiden von soziologischen und ähnlichen Zeitkonzepten. Die Frage, was die Zeit eigentlich ist - ein real existierendes Ding, eine Eigenschaft der Dinge, eine Kategorie des Denkens und Erkennens - ist eine naturphilosophische Frage.

Die Bezeichnung "physikalische Zeit" ist missverständlich, weil die Physik seit 1905 eigenwillige Vorstellungen von Zeit entwickelt hat.

Aristoteles (384 - 322) definierte die Zeit als Zahl - auch als Maß - der Bewegung (oder das Gezählte an der Bewegung) nach dem Früher oder Später. Der Gedanke wurde nicht weiterentwickelt, sondern ist mit der antiken Zivilisation untergegangen. Erst 2000 Jahre später erreichte die Philosophie durch Immanuel Kant wieder die Erkenntnis, dass die Zeit eine abstrakte Ordnungsstruktur des Verstandes ist. Allerdings fehlte der idealistischen Philosophie Kants der Bezug zur realen Außenwelt. Diesen Bezug versucht die in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene evolutionäre Erkenntnistheorie herzustellen.

Die Zeit ist ein abstraktes Ordnungssystem, das uns infolge der evolutionären Entwicklung des Verstandes angeboren ist. Am Maßstab der Zeit messen wir den Fortgang der realen Geschehnisse. Außerhalb des Verstandes gibt es nichts, was man als Zeit bezeichnen kann (Helmut Hille). Dies darzulegen ist das Ziel meiner Theorie.


1. Substantialimus, Relationismus, Idealismus

Die meisten späteren Auffassungen von Zeit stimmen - trotz aller Unterschiede - im Prinzip mit der allgemeinen Beschreibung von Aristoteles überein. Die Zeit wird als ein Nacheinander verstanden, als Fluss der Zeit, als eine gleichmäßige formale Abfolge von Zeitpunkten.

Die maßgeblichen Zeittheorien seit dem 17. Jahrhundert sind mit den Namen Newton, Leibniz und Kant verbunden. Newtons  Substantialismus scheitert an der Frage, was die Zeit ist, die es als ein Ding neben dem Materiellen gibt. (Anderer Meinung ist Ed Dellian, siehe Fußnote zum Artikel "Newton: Die absolute Zeit"). Newton hat die uns angeborene Vorstellung der absoluten, das heißt der universellen und gleichmäßig verlaufenden Zeit, in die Außenwelt verlegt - ein unbewusster psychologischer Mechanismus, den man seit Sigmund Freud als Projektion bezeichnen kann.

Der Relationismus von Leibniz führt zwar zu der plausiblen Konsequenz, dass es ohne Veränderung keine Zeit gibt. Aber Veränderung allein ist keine Zeit. Leibniz bezeichnet die Zeitrelationen als die Ordnung des Nacheinander. Doch das Neben- und Nacheinander der Veränderungen in der Welt ist keine Ordnung, sondern Chaos. Erst der Verstand bringt Ordnung in das Chaos. Außerdem ist der Einwand bekannt, dass der Relationismus Raum und Zeit bereits voraussetzt, wenn er sagt, dass Raum und Zeit in den räumlichen und zeitlichen Beziehungen zwischen den Dingen bestehen. Leibniz unterliegt einem ähnlichen Irrtum wie Newton, indem der die Welt durch die Brille der uns angeborenen Ordnungsstruktur Zeit betrachtet  - was wir unbewusst alle tun - und dadurch die im Verstand gegebene  Ordnung nicht im Verstand, sondern in der Außenwelt sieht.  Die Theorie von Leibniz, wonach Zeit eine Relation zwischen den Dingen ist, erscheint bestechend einfach und dadurch überzeugend. Doch als Leibniz lebte, war noch nicht bekannt, dass Raum und Zeit angeborene Kategorien unseres Denkens und Erkennens sind. Der Relationismus versteht die Zeit als eine Eigenschaft der Welt. Doch Veränderung ist keine Zeit, sondern die materielle Grundlage für die Entstehung der Zeit im Verstand.

Kant lehnte die Auffassungen von  Newton und Leibniz ab. Die Zeit ist weder ein Ding, das in der Realität existiert, noch ist sie eine Eigenschaft von Dingen. Sondern die Zeit ist eine angeborene Denk- und Erkenntniskategorie. Allerdings konnte Kants idealistische Philosophie nicht erklären, warum wir uns mit den angeborenen Vorstellungen von Raum und Zeit in der Wirklichkeit zurechtfinden. Seine Philosophie, wonach wir nicht die Dinge an sich, sondern nur ihre Erscheinungen erkennen, hatte keinen erkennbaren Bezug zur realen Außenwelt. Dies mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass die Philosophie der Physik um 1900 Ernst Mach folgte und sich die relationistische Auffassung von Raum und Zeit zu eigen machte. Mach, einer der Begründer der theoretischen Physik, ging sogar noch einen Schritt weiter als Kant, indem er die die Existenz einer objektiven Wirklichkeit überhaupt in Frage stellte. Damit war ein Grundstein für den Relativismus in der Physik gelegt.


2. Zeit ist eine Ordnungsstruktur im Verstand

Offenkundig gibt es bis heute keine einheitliche und allgemein akzeptierte Auffassung darüber, was Zeit ist. Die Physik glaubt die Zeit auf ihre Weise definieren zu können und verkennt dabei, dass die Zeit als eine Denkkategorie nicht Gegenstand, sondern eine Voraussetzung der Naturwissenschaft ist.

Gehen wir davon aus, was offenkundig und allgemein akzeptiert ist. Demnach beschreibt die Zeit die Abfolge von Ereignissen. Die Einteilung der Geschehnisse erfolgt

- nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (die Philosophie spricht von Zeitmodus)

- nach früher, später und gleichzeitig (die Philosophie spricht von Zeitordnung)

- nach unterschiedlicher Dauer, also den Abständen in der Aufeinanderfolge.

Daraus folgt, dass Zeit ein Ordnungsprinzip ist. Der Gedanke drängt sich geradezu auf, dass dieses Ordnungsprinzip eine Sache des Verstandes ist. Nur der Verstand befähigt uns, im jeweiligen Jetzt das Vergangene im Gedächtnis und das Zukünftige in der Erwartung zu unterscheiden. Nur der Verstand befähigt uns, in einer Reihe von Ereignissen zu unterscheiden, was früher, später und gleichzeitig geschieht. Nur der Verstand befähigt uns, die Dauer zwischen Ereignissen zu schätzen und mit Uhren zu messen.


3. Die Rolle der evolutionären Erkenntnistheorie

Von Natur aus ist uns die Vorstellung von absoluter Zeit angeboren, das heißt es gibt nur eine Zeit, und sie verläuft gleichmäßig. Stimmt diese Vorstellung mit der Wirklichkeit überein?

Ausgangspunkt der evolutionären Erkenntnistheorie ist die Überlegung, dass auch die Entwicklung des Verstandes durch die Umwelt beeinflusst wird. Dadurch kommt es zu bestimmten Denk- und Erkenntnisformen, die uns angeboren sind. Auf diese Weise entsteht ein ursächlicher Bezug zwischen der realen Außenwelt und  Kants a priori gegebenen Verstandeskategorien. Aus genau den selben Gründen, aus denen der Huf des Pferdes zum Steppenboden und die Flosse des Fisches ins Wasser passt, passen die a priori gegebenen Denkkategorien zur Außenwelt (Konrad Lorenz: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie, 1941).

Doch mit der Überlegung, dass unsere angeborenen Denkformen genau so auf die Umwelt passen wie die Flosse des Fisches zum Wasser, ist nicht bewiesen, dass die Vorstellung der absoluten Zeit ein Abbild der Wirklichkeit ist. Denn die Flosse des Fisches ist zwar optimal an das Wasser angepasst, aber sie ist kein direktes Abbild des Wassers. Mit diesem Argument wurden evolutionstheoretische Überlegungen zu Raum und Zeit schon vor Jahrzehnten durch die theoretische Physik zurückgewiesen. Unsere angeborenen Vorstellungen von Raum und Zeit dienten dem Überleben, aber nicht der Wahrheit, was durch die Relativitätstheorie bewiesen sei. Damit erhebt die Physik den unberechtigten Anspruch, ihre Auffassung von Zeit sei allgemein gültig.

Doch wer aus guten Gründen nicht an die Relativität der Zeit glaubt, kann sich mit dieser Auskunft nicht abfinden, sondern wird weiter fragen. Auch wenn die Grundüberlegung der evolutionären Erkenntnistheorie nicht beweisen kann, dass die absolute Zeit ein direktes Abbild der Wirklichkeit ist, so führt sie uns doch zwangsläufig zu der Frage, wie die Vorstellung von absoluter Zeit in den Verstand kommt.


4. Wie kommt die absolute Zeit in den Verstand?

Manche Sachverhalte versteht man erst, wenn man ihre Entstehungsgeschichte kennt. Zwar ist die Entstehung der Zeit nicht historisch überliefert, aber sie lässt sich glaubwürdig rekonstruieren.

In einem sehr frühen Entwicklungsstadium macht der Verstand bzw. das Individuum die Erfahrung des regelmäßigen Wechsels von Tag und Nacht. Dieser gleichmäßige Rhythmus führt in der weiteren Entwicklung dazu, die realen Geschehnisse in eine gleichmäßige Skala von Tagen und damit in einen Kalender einzuordnen. Bestimmte Ereignisse werden einem bestimmten Tag zugeordnet, und der Abstand (die Dauer) zwischen zwei Ereignissen kann in Tagen angegeben werden. Auf diese Weise entsteht im Lauf eines Entwicklungsprozesses die Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit im Verstand. Die Zeitskala ist zuerst in Tage eingeteilt, was zur Erfindung des Kalenders führt. Der Kalender ist ein feststehender Maßstab für den Abstand zwischen einzelnen Ereignissen. Die Ereignisse werden in den Kalender eingeordnet, und niemand käme auf die Idee, von einem Dahinfließen oder Vergehen des Kalenders zu sprechen. Der Kalener ist der feste Maßstab, den wir an die wechselnden Ereignisse der Welt anlegen.

Auch Martin Heidegger (1889-1976) führt die Zeitlichkeit auf den Lauf der Sonne zurück, woraus als natürliches Zeitmaß der Tag folgt ("Sein und Zeit", § 80).

Hinzu kommt eine zweite elementare Erfahrung. Es gibt nur eine Außenwelt, in der das Individuum lebt. Überdies machen alle Individuen die Erfahrung, dass sie in der selben Welt leben. Es gibt nur einen Kalender in dieser Welt, in der die Sonne überall im gleichen Rhythmus von 24 Stunden im Zenit steht. Dadurch entsteht die Vorstellung im Verstand, dass es nur eine Zeit gibt, die überall die selbe ist. Erst viel später, wenn diese Zeitvorstellung im Verstand im Lauf unzähliger Generationen schon fest eingerichtet ist, kommt das Wissen hinzu, dass die Sonne in unterschiedlichen Teilen der Welt zu unterschiedlichen Zeiten auf- und untergeht.

Die Vorstellung, dass es nur eine Zeit gibt, wird auch bestätigt durch die Beobachtung und  Erfahrung des Urmenschen, dass die Gleichzeitigkeit von Ereignissen eine reale Tatsache ist.  Daraus folgt, dass der Augenblick, den ich mit Jetzt bezeichne, überall der selbe ist. Die selbstverständliche Erfahrung, dass die Gleichzeitigkeit von Ereignissen eine reale Tatsache ist, machen wir auch heute noch innerhalb unseres Gesichtskreises. Doch warum sollte die reale Gleichzeitigkeit nicht auch über den Bereich hinaus gegeben sein, den wir unmittelbar beobachten können?

Mit zunehmender Entwicklung des Verstandes entsteht die Fähigkeit und das Bedürfnis, in kleineren Zeiteinheiten zu denken. Aus dem zunächst in Tage eingeteilte Kalender wird eine kleinteiligere Zeitskala durch die Unterscheidung des Sonnenstandes nach Morgen, Mittag und Abend. Später kommen Sonnenuhren hinzu, und man ist dadurch in der Lage, den Tag in Stunden einzuteilen.

Am Beginn dieser grob skizzierten Entwicklung ordnet der Verstand jedes Ereignis einem bestimmten Tag zu. Der Zeitpunkt und damit die kleinste Einheit auf der Zeitskala ist ursprünglich ein Tag. Mit der in der weiteren Entwicklung folgenden Einteilung des Tages in Stunden, Minuten und Sekunden kann jedes Ereignis mit einem viel kleineren Zeitpunkt verbunden werden. Am Ende, in dem nach ungezählten Generationen folgenden wissenschaftlichen Zeitalter, steht die Erkenntnis, dass der Zeitpunkt beliebig klein gedacht werden kann. Daraus folgt als Konsequenz, die Konstruktion von immer noch genaueren Uhren anzustreben. Wobei die Genauigkeit der Uhr zwei Eigenschaften impliziert, nämlich den gleichmäßigen Gang und eine möglichst kleinteilige Zeitskala. Heute kann man mit Atomuhren Milliardstel Sekunden messen.


Zur Illustration:
Die Zeitskala ist am Beginn der Entwicklung ein Kalender, der in Tage eingeteilt ist. Reale Ereignisse werden einem bestimmten Tag zugeordnet. Der Abstand zwischen Ereignissen wird in Tagen benannt und gemessen. Die natürliche Zeiteinheit ist ein Tag.

|          |          |          |          |          |          |          |          |        Tage


Mit fortschreitender Entwicklung des Verstandes wird die Zeitskala kleinteiliger. Der Verstand denkt in Stunden, dann in Sekunden. Am Ende der Entwicklung erkennen wir, dass ein Zeitpunkt beliebig klein gedacht werden kann. Jedes beliebige Ereignis und jeden der ständig wechselnden Zustände der Welt verbinden wir - bewusst oder unbewusst - gedanklich mit einem Zeitpunkt.

.......................................................................................         Milliardstel Sekunden

Die Zeitskala im Verstand des modernen Menschen ist unendlich kleinteilig. Dies zeigt sich darin, dass man Atomuhren baut, die Milliardstel Sekunden anzeigen. Wäre es technisch möglich, so würde man noch genauere Uhren bauen.


Der Lauf der Sonne führt nicht nur zum Wechsel von Tag und Nacht und auf diesem Weg zu einer endlosen Zeitskala, auf der die Zeiteinheiten abgezählt werden. Sondern der Stand der Sonne zeigt Morgen, Mittag und Abend an. Dies ist der Ursprung der Uhrzeit, die zunächst nur ungenau von der Sonnenuhr abgelesen wurde. Die aktuelle Uhrzeit bezeichnet einen bestimmten Punkt auf der Zeitskala, nämlich das jeweilige Jetzt.



5. Stimmt die absolute Zeit mit der Wirklichkeit überein?

Die uns angeborene Vorstellung von absoluter Zeit besteht darin, dass die Zeit gleichmäßig verläuft und dass es nur eine Zeit gibt. Stimmt diese Vorstellung mit der Wirklichkeit überein? Darin sind zwei Fragen enthalten, nämlich zur Gleichmäßigkeit und zur Universalität der Zeit.

Dass die Zeit gleichmäßig verläuft, stellt kaum jemand ernsthaft in Frage, ebenso wie die Tatsache, dass nur eine gleichmäßig gehende Uhr brauchbar ist. Sogar die Relativitätstheorie geht von einem gleichmäßigen Verlauf der Zeit in gleichmäßig geradlinig bewegten Systemen aus.Nur im Vergleich unterschiedlich bewegter Systeme soll die Zeit angeblich unterschiedlich verlaufen. Dabei bedenkt die Relativitätstheorie nicht, dass die behaupteten unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen physikalische Vorgänge in unterschiedlichen Systemen verlaufen, nur auf der Grundlage eines festen Zeitmaßes feststellbar sind. Misst man ein und dieselbe Geschwindigkeit mit variablen Zeiteinheiten, so kommen zwangsläufig unterschiedliche Geschwindigkeiten dabei heraus.  

Entspricht es der Wirklichkeit, dass es nur eine Zeit gibt?

a) Die Frage ist in dieser Form falsch gestellt. In welcher Hinsicht sollte ein abstraktes Ordnungs- und Maßsystem mit der Wirklichkeit übereinstimmen? Auf gleicher Ebene würde zum Beispiel die Frage liegen, ob der Meterstab als Messwerkzeug mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wenn ein Meterstab unbrauchbar wäre, dann nur, wenn seine Skala nicht gleichmäßig eingeteilt wäre, oder wenn man unterschiedliche Meterstäbe  mit variablen ("relativen") Zentimetern verwenden würde.

Die Unterscheidung zwischen dem Ordnungs- und Maßsystem Zeit einerseits und den zu messenden Zeitrelationen andererseits beruht auf der Unterscheidung von Innen- und Außenwelt.

Außenwelt:
In der Außenwelt gibt es die Abstände in der Aufeinanderfolge von Ereignissen ("Zeitrelationen")
entweder als Dauer zwischen den Ereignissen,
oder als Gleichzeitigkeit von Ereignissen.

Die unterschiedlichen Relationen, nämlich Dauer und Gleichzeitigkeit, bezeichnen reale Tatsachen (keine realen Dinge, aber reale Sachverhalte) in der realen Welt.

Innenwelt:
Im Verstand gibt es die Zeit als Ordnungsstruktur und Maß für die Relationen der realen Außenwelt, wodurch wir entweder die Dauer zwischen zwei Ereignissen oder die Gleichzeitigkeit (als fehlende Dauer) erkennen.


b) Die Antwort auf die Frage, ob überhaupt eine Übereinstimmung unserer angeborenen Vorstellung von Zeit mit der Wirklichkeit besteht, ist folgende. Die Welt weist Strukturen auf, auf denen die Entstehung von Raum und Zeit im Verstand beruht. Die für den Raum grundlegende Struktur der Welt besteht im Nebeneinander der Dinge sowie in ihren Abständen und Größen. Die für die Zeit grundlegende Struktur der Welt besteht im Nacheinander der Veränderungen.
Die Entstehung unserer angeborenen Erkenntnisstruktur Zeit aus den in der Außenwelt gegebenen Relationen ist ein Grund dafür, dass wir dazu neigen, die Zeit als eine Eigenschaft der Welt aufzufassen, anstatt sie als Ordnungsstruktur des Verstandes zu erkennen.

c) Dass es nur eine Welt und folglich nur eine Zeit gibt, ist zunächst eine ursprüngliche Erfahrung in einem frühen Entwicklungsstadium des Verstandes (vgl. Nr. 4 - Wie kommt die absolute Zeit in den Verstand). Diese Erfahrung allein mag manchen nicht als Beweis gelten. Der Beweis liegt auf ontologischer Ebene. Wer die Theorie ablehnt, dass es außerhalb des Verstandes keine Zeit gibt, der wird die Zeit in der Außenwelt suchen. Daher wird er die Frage, ob unsere angeborene Vorstellung von absoluter Zeit mit der Wirklichkeit übereinstimmt, keineswegs für sinnlos halten. Die Antwort auf diesen Einwand lautet:
Die Welt als Ganzes befindet sich in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand. Der Zustand der Welt ändert sich von Augenblick zu Augenblick durch unzählige Geschehnisse und Veränderungen von atomarer bis kosmischer Größenordnung. Wenn die Welt in jedem Augenblick in einem bestimmten Zustand ist, dann ist jeder Augenblick überall der selbe. Es gibt nur eine Welt, folglich nur eine reale Gleichzeitigkeit, die in der ganzen Welt die selbe ist.  Wäre dies nicht der Fall, so würde die Welt als Ganzes nicht gleichzeitig existieren.

Dieser Gedanke wird keineswegs dadurch widerlegt, dass wir als Menschen nicht in der Lage sind, die Welt als Ganzes zu beobachten und zu beschreiben. Der logische Verstand befähigt uns zu der Erkenntnis, dass die Welt ein Ganzes ist, dessen Zustand sich ständig ändert. Der abwegige Einwand, dass in der Wissenschaft nur zählt was wir beobachten und messen können, ist lediglich der Nachhall eines obsoleten Positivismus aus dem 19. Jahrhundert.




6. Was ist die Zeit?

In der äußeren Wirklichkeit gibt es die realen Dinge, die sich verändern und bewegen. Alles ist in ständiger Veränderung, von den Schwingungen der Atome, über die Bewegungen in alltäglicher Größenordnung, bis zur Bewegung der Galaxien. Alles fließt, weshalb man nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann, wie Heraklit gesagt hat. Als biologisches Individuum und als Person bleibt der Mensch identisch für die Dauer seines Lebens. Doch materiell ist er ein Teil der sich ständig verändernden Welt. Heute bin ich ein Anderer als gestern, weil sich meine Körperzellen ständig erneuern. Die metaphysische Frage, ob hinter den Veränderungen ein zeitloses Sein steht, gehört nicht zum Kernbereich der Zeitphilosophie, ebenso wenig zur Philosophie der Physik. (Manche philosophierenden Physiker erklären die Zeit naiv zur Illusion, weil sie die Zeit nicht wie ein physikalisches Ding in der Natur finden können, und reden dann von einem "Blockuniversum").

Die Zeit ist der uns angeborene Maßstab, an dem wir die Geschehnisse ordnen und messen
- nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
- nach früher, später und gleichzeitig
- nach unterschiedlicher Dauer.

Die einfachen Unterscheidungen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie nach früher, später und gleichzeitig erfolgen durch die Verstandeslogik bzw. aufgrund der Erinnerung (des Gedächtnisses) und der Erwartung (im Sinne von geplanter Vorausschau). Die exakte Unterscheidung nach kurzer oder langer Dauer bedarf eines Maßstabs. Deshalb ist Zeit im engeren Sinne das Maß der Dauer. Schon vor mir hat Helmut Hille die Zeit als das Maß der Dauer bezeichnet.

Zu einer vollständigen Definition der Zeit gehört auch, dass es nur eine Zeit gibt. Die Ursache dafür ist, dass die Zeit aus dem Zusammenwirken von Außenwelt und Verstand entsteht. Auf der Zeitskala ordnen wir die Veränderungen und Ereignisse der Außenwelt ein. Da wir alle in derselben physischen Welt leben, gibt es nur eine Zeit.

An der Dauer eines bestimmten Vorgangs messen wir auch die Geschwindigkeit des Vorgangs. Daher ist die Zeit nicht nur das Maß der Dauer, sondern auch der Geschwindigkeit. Ein Beispiel dafür ist die Geschwindigkeit, mit der eine bestimmte Strecke zurückgelegt wird. Nehmen wir einen 100-Meter-Läufer. Zwischen dem Start (Ereignis 1) und der Ankunft auf der Ziellinie (Ereignis 2) liegt  eine Dauer, die mit 10 Sekunden gemessen wird.  Aus der Zahl der Sekunden können wir die Geschwindigkeit des Läufers berechnen nach der Formel v = s/t.  Aber auch die Geschwindigkeit physikalischer Vorgänge, chemischer Reaktionen und biologischer Prozesse wird an der Zeit gemessen.

Weil wir gedanklich jedes der unzähligen aufeinander folgenden Ereignisse in der Welt mit einem Zeitpunkt auf der Zeitskala verbinden, sprechen wir irrtümlich davon, dass die Zeit fließt. Doch wir täuschen uns. Nicht die Zeit verläuft, denn sie ist ein abstrakter Maßstab im Verstand, vergleichbar einem Meterstab. Sondern die Geschehnisse bilden einen Verlauf. Was wir als dahinfließend beobachten, sind die realen Geschehnisse und Veränderungen der Außenwelt. In Unkenntnis dessen, was genau Zeit ist - die angeborene Denkkategorie Zeit ist uns unbewusst -  bezeichnen wir seit jeher den Fluss der Geschehnisse unzutreffend als Fluss der Zeit.

Der britisch-australische Philosoph John J. C. Smart schreibt in "The River of Time" (1949): "Selbst die unkritischste Person wird vermuten, dass wir, wenn wir von der Zeit als einem fließenden Fluss reden, in einer irgendwie illegitimen Weise reden. Die Zeit ein Fluss, sagen wir zu uns selbst, ein komischer Fluss ist das. Aus was für einer Flüssigkeit besteht er? ... Wir sind sogar noch stärker beunruhigt, wenn wir uns fragen, wie schnell dieser Fluss fließt."

Die Frage, mit welcher Geschwindigkeit die Zeit fließt, geht ins Leere. Denn zum einen ist Geschwindigkeit das mathematische Ergebnis aus Veränderung und Zeit, zum Beispiel aus zurückgelegter Strecke je Stunde. Die Berechnung einer Geschwindigkeit setzt also die Zeit bereits voraus, weshalb die Zeit selbst keine Geschwindigkeit haben kann. Zum anderen hängt die Größe jeder Geschwindigkeit vom gewählten Bezugssystem ab. Es gibt aber kein Bezugssystem, an dem die Geschwindigkeit der Zeit gemessen werden könnte. - Die selben Argumente gelten, wenn wir den Fluss der Zeit durch den Fluss der Geschehnisse ersetzen, oder wenn wir die Frage in andere Worte fassen: Mit welcher Geschwindigkeit schreitet das Jetzt auf der Zeitskala voran? Welche Geschwindigkeit hat der Zeiger der Uhr, wenn er das jeweilige Jetzt anzeigt?

Denken und Tun erfolgt real nur in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Psychologen haben herausgefunden, dass unsere gefühlte Gegenwart etwa drei Sekunden beträgt. Nach Ablauf dieser drei Sekunden wird die Gegenwart zur Vergangenheit, und wir denken und handeln in einer neuen Gegenwart. Aus psychologischer Sicht schreitet also die Gegenwart im Drei-Sekunden-Takt voran.

Nicht die Zeit vergeht, sondern jeder gegenwärtige Zustand der Welt vergeht, weil der Zustand der Welt im nächsten Augenblick ein anderer ist. Aber weil unser Verstand selbständig und ohne dass uns dies bewusst ist, jeden Zustand der Welt mit einem Zeitpunkt auf der Zeitskala verbindet, glauben wir, dass die Zeit vergeht.

Das vermeintliche Vergehen der Zeit ist die Hauptursache dafür, dass die Zeit bis heute letztlich als ein ungelöstes Rätsel gilt, das zu Widersprüchen und Zirkelschlüssen führt. Die Zeit vergeht und ist doch irgendwie ständig vorhanden. Reale Existenz scheint nur in der Zeit möglich, ohne dass man sagen könnte, was die Zeit ist.

Weil uns die Zeit als angeborene Denk- und Erkenntnisstruktur unbewusst ist, haben die Menschen von Natur aus keine genaue Vorstellung davon, was Zeit ist. Dadurch kommt es zu Irrtümern und unzutreffenden Theorien über die Zeit:  Die Zeit als ein Ding wie andere reale Dinge (Newton). Die Zeit als Eigenschaft der Dinge und der Welt (Relationismus). Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit verlaufende Zeiten in der Welt (Relativitätstheorie). Die Identität von Raum und Zeit (Raumzeit). Die Zeit als Illusion.


7. Wesentliche Merkmale und Konsequenzen der Theorie

Zeit ist ein abstraktes Ordnungssystem im Verstand. Am Maßstab der Zeit ordnen und messen wir den Verlauf der Veränderungen.

Nicht die Zeit verläuft, sondern die Geschehnisse bilden einen Verlauf

Dauer ist keine Zeit, sondern eine Relation zwischen Ereignissen.

Die Zeit ist das Maß der Relationen, d. h. die Größe oder "Länge" einer Dauer messen wir am Maßstab der Zeit.

Die Existenz von Dingen ist nicht mit Zeit, sondern mit Dauer verbunden. Weil wir aber eine Dauer in Zeiteinheiten (Sekunden) ausdrücken, machen wir begrifflich zwischen Dauer und Zeit keinen Unterschied.

Geht es also nur um einen geänderten Gebrauch von Begriffen? Keineswegs. Entscheidend ist der Inhalt der Theorie. Die Zeit ist kein selbständig existierendes Ding. Sie ist keine Eigenschaft der Welt und keine Relation zwischen den Dingen. Zeit ist ein abstraktes Ordnungssystem im Verstand. Außerhalb des Verstandes gibt es nichts, was man als Zeit bezeichnen kann.

Zeitmodus und Zeitordnung (Nr. 2) beruhen auf Leistungen des Gedächtnisses. Die Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit entsteht durch den Wechsel von Tag und Nacht. Es gibt nur eine Zeit, weil es nur eine Welt gibt.


8. Die Zeit ist objektiv, auch wenn es sie nur im Verstand gibt

Nur am gleichen Ort beobachten die Menschen die gleichen Ereignisse. An anderen Orten haben die Menschen andere Ereignisse im Blickfeld. Die Sonne geht in unterschiedlichen Gegenden der Welt zu unterschiedlichen Zeiten auf und unter. Ist deshalb die Zeit subjektiv?

In jedem mit Jetzt bezeichneten Augenblick geschieht überall in der Welt etwas. Die Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse ist eine unbestreitbare Tatsache. Wenn überall in der Welt jedes Jetzt der gleiche Zeitpunkt ist, dann gibt es nur eine Zeit. Wenn das Jetzt überall gleich ist, so ist die Zeit objektiv. Die reale Gleichzeitigkeit der Welt - oder das gleichzeitige Existieren der Welt als Ganzes -  ist die verbindende Klammer zwischen der im Verstand gegebenen Denkstruktur Zeit und der äußeren Wirklichkeit. Dadurch wird die Zeit objektiv. Das gemeinsame Jetzt, mit dem alle Individuen die selben realen Ereignisse bezeichnen, ist nicht nur eine logische oder philosophische Gewissheit. Die Überlegung wird auch bestätigt durch die Einrichtung einheitlicher Uhrzeiten mittels synchronisierter Uhren .

Jeder Jetztpunkt (Zeitpunkt) ist verbunden mit allen realen Ereignissen in diesem Augenblick. Jeder Jetztpunkt ist verbunden mit einem bestimmten Zustand der Welt. Darin besteht der Bezug zwischen Zeit und der realen Außenwelt. Mit Hilfe der Zeit datieren wir die Geschehnisse in der gesamten Welt, ordnen und zählen wir den Verlauf der Geschehnisse in Tagen, Stunden und Sekunden.

Das Einordnen historischer Ereignisse in den Kalender kann man als Erweiterung der Zeitskala in die Vergangenheit sehen. Ereignisse, die in der Erinnerung des Einzelnen längst verblasst sind oder sich vor unserer Geburt ereignet haben, werden durch die Geschichtswissenschaft in einem kollektiven Gedächtnis festgehalten. Die Zeit im Verstand ist der in Sekunden und kleinere Einheiten aufgeteilte Kalender.


9. Was ist eine Uhr?

Auch aus der theoretischen Physik wissen wir, dass ganz allgemein jeder gleichmäßig verlaufende oder sich in gleichmäßigen Perioden wiederholende physikalische Vorgang als Uhr geeignet ist. Genauer kann man die heute gebräuchlichen technischen Uhren als Messgeräte bezeichnen, die gleichmäßige Zeiteinheiten - zum Beispiel Sekunden - zählen. Die Anzahl der Sekunden zwischen zwei Ereignissen sagt uns, welche Dauer zwischen zwei Ereignissen (oder Zeitpunkten) liegt. Weil der Mensch kein Organ besitzt, an dem er gleichmäßige Sekunden ablesen kann, benötigt er Uhren zum Messen einer Dauer.

Ein Verwendungszweck von Uhren ist die Zeitmessung. Wobei das Wort "Zeitmessung" nicht wirklich zutrifft, denn wir messen die Dauer zwischen zwei Ereignissen, und zwar am Maßstab der Zeit. Doch die seit jeher übliche Verwendung des Wortes "Zeit" wird sich nicht leicht ändern und ist im Alltag ohne Belang.

Die Uhr besteht im Prinzip aus einer festen Skala, die unserem unbewussten Zeitmaßstab im Verstand entspricht, und aus einem gleichmäßig voranschreitenden Zeiger, der im jeweiligen Jetzt die von ihm abgezählten Sekunden auf der Skala anzeigt. Wenn die Skala nicht geradlinig ist, sondern die Form eines runden Zifferblatts hat, so hat das lediglich technische Gründe. Ein gleichmäßig rotierender Zeigerantrieb lässt sich einfacher realisieren als ein linear bewegter Zeiger. Da außerdem die Länge einer linearen Skala technisch begrenzt ist, müsste der am Ende der Skala angelangte Zeiger ohne Verzögerung auf den Anfang zurückspringen. Dagegen gelangt bei einem runden Zifferblatt der Zeiger nach jeder Umdrehung automatisch wieder zum Nullpunkt. - Mit der Einführung elektronischer Bauteile wird die Skala häufig durch eine digitale Anzeige der gezählten Sekunden ersetzt.

Während der Verstand im frühen Entwicklungsstadium die Tage auf einer Kalenderskala zählt, macht die Uhr das selbe auf einer kleinteiligeren Skala mit Sekunden und Bruchteilen von Sekunden. Die feststehende Skala entspricht dem Zeitmaßstab im Verstand. Der Stundenzeiger bildet den Lauf der Sonne ab. Der Sekundenzeiger teilt die Stunden in kleinere Zeiteinheiten und zeigt das jeweilige Jetzt an. Man kann die Uhr mit dem herkömmlichen runden Zifferblatt als ein Abbild der Zeit sehen, die uns als Ordnungssystem im Verstand angeboren ist.

An der üblichen Uhr mit Zifferblatt und Zeiger lässt sich auch eine Grundüberlegung der vorliegenden Zeittheorie anschaulich machen. Wir glauben am Sekundenzeiger den Lauf der Zeit zu beobachten. Ein Irrtum! Die Zeit wird symbolisiert durch das Zifferblatt mit seiner feststehenden Zeitskala. Wir erinnern uns daran, was weiter oben ausgeführt wurde. Die Zeit ist ursprünglich der in Tage eingeteilte Kalender, und mit fortschreitender Entwicklung des Verstandes wird die Zeitskala immer kleinteiliger.Die Zeit ist ein feststehendes Ordnungssystem, das nicht fließt. Was sich bewegt ist der Sekundenzeiger. Er symbolisiert die materielle Welt, die sich ständig verändert. Bei jeder Stellung des Sekundenzeigers ist die Welt in einem bestimmten Zustand. Der Zeiger selbst ist Teil der materiellen Welt, deren Veränderung auch an der Bewegung des Zeigers sichtbar wird. Der Zeiger zeigt das jeweilige Jetzt der Welt an. - An Uhren mit anderem technischen Design (z.B. wenn sich das Zifferblatt dreht oder bei Uhren mit digitaler Anzeige) ist diese Symbolik nicht sichtbar).


10. Die Uhrzeit

Viel häufiger als zur Zeitmessung werden Uhren im Alltag für einen anderen Zweck verwendet. Schon in der Antike verwendete man Sonnenuhren, um eine gemeinsame Zeit zu verabreden. Die moderne Zivilisation funktioniert nur mit einheitlichen Terminen, zum Beispiel um Fahrpläne zu erstellen, den Arbeits- und Schulbeginn und andere Termine festzulegen. Zu diesem Zweck werden Zeitzonen mit einheitlicher Zeit festgelegt. Eine Referenzuhr bestimmt die Uhrzeit für die gesamte Zeitzone, und wer Termine einhalten oder die Eisenbahn nicht versäumen will, der richtet seine Uhr nach der Referenzuhr, das heißt nach der für die Zeitzone festgelegten Uhrzeit.  Die für alle verbindliche Uhrzeit hat also eine wichtige soziale Funktion. Sie bestimmt den Takt für den Arbeitsrhythmus der Gesellschaft und ihrer Mitglieder. Dieser soziale Aspekt ist nicht Gegenstand der hier angestellten naturphilosophischen  Betrachtung.

Von Natur aus ist die ganze Welt eine "Zeitzone", weil es nur eine reale Gleichzeitigkeit und damit nur eine Zeit gibt. Die naturgegebene reale Gleichzeitigkeit ist Voraussetzung dafür, dass man eine sehr große Zeitzone einrichten kann, die unabhängig vom Stand der Sonne und vom Standort des Beobachters ist. Vor Jahren schon wurde eine so genannte Weltzeit eingeführt, die auch für die Raumfahrt verwendet wird. Sie ist im Grunde eine einheitliche Zeitzone für die Erde und umfasst auch die durch die Raumfahrt bisher erschließbaren Bereiche. Doch es besteht weder die Notwendigkeit noch die technische Möglichkeit, die schon unter Nr. 5 angesprochene einheitliche Zeit weltumfassend in die Praxis umzusetzen. Dazu müssten die Uhren im gesamten Universum (falls es dort irgendwo andere Zivilisationen mit technischen Uhren gibt) synchronisiert werden, was wegen der nach menschlichen Maßstäben unvorstellbar großen Entfernungen ausgeschlossen ist.


11. Weltzeit  (hinzugefügt im Februar 2017)

Die Frage stellt sich, ob man die auf der objektiven Gleichzeitigkeit beruhende universelle Zeit als eine zweite Art von Zeit, z.B. als Weltzeit neben der als Maß der Dauer abgezählten Zeit betrachten soll.

Doch die so verstandene Weltzeit fällt unter den Begriff der Zeit als Maß von Relationen. Die Welt als Ganzes besitzt zwei Zeitrelationen. Zum einen die Dauer der Welt, die an der Zeit gemessen wird. Zum anderen die reale Gleichzeitigkeit, weil die Welt als Ganzes mit allen ihren Teilen gleichzeitig existiert. Beide Relationen, die Dauer und die Gleichzeitigkeit, messen wir an der Zeit.

Andererseits laufen die unter Nr. 10 genannte Weltzeit als einheitliche Uhrzeit und die Weltzeit im Sinne von realer Gleichzeitigkeit nur scheinbar auf dasselbe hinaus. Denn ob die "Weltzeit" auf universeller Synchronisierung der Uhren oder auf der Verstandeswahrheit beruht, dass es nur eine Zeit gibt, ist ein grundlegender Unterschied. Der Unterschied liegt darin, dass die Weltzeit als einheitliche Uhrzeit technisch nur begrenzt realisierbar ist und von der Vorstellung ausgeht, die Zeit (eine Verstandeskategorie) hänge von den Uhren (die Teil der materiellen Welt sind) ab. Doch die Weltzeit als reale Gleichzeitigkeit ist eine Verstandeswahrheit, die keiner Uhren und keiner Synchronisierung durch Funksignale bedarf.

(Die Weltzeit bei Martin Heidegger ist ein existenzphilosophischer Begriff. Es ist die Zeit, welcher der Einzelne unterworfen ist, sie es durch den Wechsel von Tag und Nacht, sei es durch die allgemein verbindliche Uhrzeit).

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