Samstag, 21. Juli 2012

Rationalismus und Empirismus

Der Empirismus bezeichnet eine erkenntnistheoretische Position, die im Gegensatz zum Rationalismus behauptet, dass jedes Wissen auf Erfahrung zurückgeht. Der Ausdruck Empirismus in seiner heutigen Bedeutung wurde durch Immanuel Kant in die Philosophie eingeführt. *) Kant bezeichnete als Empiristen die Philosophen, welche das auf dem Verstand beruhende reine Vernunftwissen aus der Erfahrung herleiten wollen. John Locke, George Berkeley und David Hume gelten als Hauptvertreter des Empirismus. Die Empiristen nannten sich im 19. Jahrhundert Positivisten. Wenn Erfahrung allein als durch Sinneseindrücke vermittelt gilt, so spricht man von Sensualismus, einer speziellen Form des Empirismus.  Ernst Mach war der bedeutendste deutschsprachige Protagonist dieser Philosophie. Der Machismus war eine philosophische Modeerscheinung. Der Empirismus leugnet alle nicht-empirischen ("apriorischen") Inhalte der Wissenschaft und beruft sich auf naturwissenschaftliche Erfahrungspraxis. Zum Beispiel: Das logische Prinzip der absoluten Zeit wird bestritten, weil die absolute Zeit in der Natur nicht nachweisbar ist. 

Gegen den Empirismus wird eingewandt, dass keine Wissenschaft, die Physik eingeschlossen, ohne apriorisch begründete Sätze auskommt. Auch können empirisch gewonnene Daten nicht ohne Theorie interpretiert werden. Die von Karl Popper vertretene These, wonach die Erfahrung von der Theorie abhängt, hat sich weithin durchgesetzt. Eine weitere Bestätigung erfährt der Apriorismus Kants durch die auf Konrad Lorenz und andere Autoren zurückgehende evolutionäre Erkenntnistheorie. Danach passt sich der Verstand im Lauf der evolutionären Entwicklung an die Umwelt an. Die Strukturen und Eigenschaften der Welt führen zu angeborenen Denkkategorien wie Raum und Zeit. Dass eine Denkkategorie wie die absolute Zeit nicht als physikalisches Objekt nachweisbar ist, widerlegt nicht, dass sie - vergleichbar dem Denken in den Kategorien Ursache und Wirkung - Voraussetzung von Denken und Erkennen und damit Voraussetzung jeder Wissenschaft ist. Außerdem erweist sich die absolute Zeit als eine perspektivische Idee, die durch das Streben der Physik nach gleichmäßig gehenden Uhren bestätigt wird.

Es geht um die Frage des richtigen Denkens. Sollen wir dem uns angeborenen sicheren Wissen folgen, dass die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen eine reale Tatsache ist - auch wenn wir nicht in der Lage sind, die Gleichzeitigkeit in jedem Einzelfall zu beobachten und zu messen? Oder sollen wir nur als wahr betrachten, was wir in jedem Einzelfall beobachten und messen können - womit unser angeborenes Wissen der absoluten Gleichzeitigkeit als unwahr zu gelten hat? Es geht, kurz gesagt, um Rationalismus oder Empirismus.

Der Streit, ob unser gesamtes Wissen ausschließlich aus der Erfahrung oder teilweise auch aus der Logik des Verstandes kommt, erscheint nur auf den ersten Blick als rein theoretischer Prinzipienstreit, den man zu den Akten legen könnte. Durch die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden, bekommt er eine grundlegende wissenschaftliche Bedeutung. Ist die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen eine objektive Tatsache, wie uns der logische Verstand sagt, oder ist Gleichzeitigkeit nur gegeben, wenn sie beobachtet und gemessen werden kann? Gibt es die absolute Zeit als logisches Prinzip, oder gibt es keine absolute Zeit, weil man sie wegen der Ungenauigkeit von Uhren nicht messen kann? Mit den Antworten auf diese Fragen steht und fällt die Relativitätstheorie.

Wer überzeugt ist, dass alles Wissen aus der Erfahrung stammt, der leugnet alles logische Wissen, das nicht durch Erfahrung nachprüfbar ist. Moderne Atomuhren weichen vom gleichmäßigen Gang in einer Million Jahren lediglich um eine Sekunde ab. Sollen wir den logischen Gedanken der absoluten Zeit ablehnen, weil die absolute Genauigkeit von Uhren noch nicht erreicht ist, ja vielleicht niemals erreicht wird?  Oder liegt nicht vielmehr im Streben nach immer noch gleichmäßiger gehenden Uhren die Bestätigung, dass die Physik die absolute Zeit als logisches Prinzip de facto schon immer anerkannt hat?

In der speziellen Relativitätstheorie von 1905 zeigt sich eine extreme Ausprägung des Empirismus, nämlich der u.a. durch Ernst Mach vertretene Sensualismus. In der Relativitätstheorie wird die Gleichzeitigkeit von zwei Ereignissen ausschließlich nach den individuellen Sinneseindrücken der Beobachter beurteilt. Daraus folgt als unmittelbare Konsequenz die Relativität der Zeit. Dass wir die objektive Wirklichkeit im weitesten Sinne nicht erkennen können, weiss man seit Immanuel Kant. Doch mit der Relativitätstheorie wird die einheitliche physikalische Wirklichkeit, die Einheit der Natur aufgegeben. Im Grunde bestreitet der Sensualismus die Fähigkeit des Menschen, über die durch unsere Sinnesorgane gegebenen Grenzen hinaus zu denken.

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*) So steht es im Lexikon. Doch schon Leibniz unterscheidet zwischen Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten. Er setzt sich mit den Empiristen darüber auseinander, ob unsere Begriffe angeboren sind oder allein aus der Sinneserfahrung stammen. Für Leibniz stehen die lediglich aus Erfahrung resultierenden "Folgerungen, welche die Tiere ziehen, auf der selben Stufe wie die von reinen Empirikern". Erst in den Vernunftwahrheiten haben wir sichere Wahrheiten. Damit erst erhebt sich der Mensch über das Tier und wird zum Geistwesen.

 (Der letzte Satz mag für manchen etwas altmodisch klingen, aber er ist wahr. Tiere lernen im allgemeinen nur aus Erfahrung. Der Mensch dagegen kann auch durch die Verstandeslogik Wissen erwerben. Womit ich nicht die Tiere abwerten will. Unter dem Gesichtspunkt der Evolution sind sie unsere dumm gebliebenen Brüder, gegen die wir uns nicht als Unmenschen erweisen sollten, wenn wir nicht unsere Menschenwürde aufgeben wollen. Aber das ist ein anderes Thema).

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