Samstag, 1. Juli 2017

Traktat über die Zeit

1. Unsere Außenwelt (die materielle Welt) ist in ständiger Bewegung und Veränderung. Der Verstand befähigt uns, die aufeinander folgenden Zustände der Welt zu unterscheiden nach Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Diese Unterscheidung ist die Grundlage der Zeitskala. Ein vergangener Zustand der Welt existiert nicht mehr real, sondern nur noch in unserem Gedächtnis. Die Gegenwart ist real. Ein zukünftiger Zustand der Welt existiert noch nicht real, sondern nur in unserer Erwartung.

2. Der im jeweiligen Jetzt gegenwärtige Zustand umfasst die gesamte Welt, weshalb es jeweils nur eine Gegenwart  und folglich nur eine Zeit gibt. Die Welt existiert in jedem Augenblick gleichzeitig als Ganzes. Jeder Augenblick, den ich mit "Jetzt" bezeichne, ist überall derselbe.

3. Die Zeit hat ihren Ursprung im Wechsel von Tag und Nacht. Der Tag ist das ursprüngliche Zeitmaß. Sobald der Mensch im Lauf seiner Entwicklung zum Zählen fähig ist, kann er die Dauer zwischen zwei Ereignissen in Tagen benennen. Die Zeit ist das Maß der Dauer. Dauer ist der Abstand in der Aufeinanderfolge von Ereignissen. Die Zeit existiert im Verstand, die Dauer ist eine Relation zwischen realen Dingen.

4. Der Mensch im vorwissenschaftlichen Entwicklungsstand hält den Tag für ein gleichmäßiges Zeitmaß, auch wenn die Erdrotation nicht vollkommen gleichmäßig verläuft. Aus diesem Grund prägt sich dem Verstand im Lauf der evolutionären Entwicklung die Vorstellung von gleichmäßig verlaufender Zeit ein. Mit fortschreitender Entwicklung des Verstandes wird aus dem in Tage eingeteilten Zeitmaßstab (Kalender) eine kleinteiligere Zeitskala aus Sekunden und Bruchteilen von Sekunden.

5. Ohne unser bewusstes Zutun ordnet der Verstand jedes Ereignis einem bestimmten Zeitpunkt auf der Zeitskala zu. Daher sprechen wir vom Fluss der Zeit. Doch in Wahrheit sehen wir den Fluss der Ereignisse. Nicht die Zeit, die ein fester Maßstab ist, fließt dahin, sondern der Zustand der Welt ändert sich in jedem Augenblick.

6. Um eine Dauer exakt zu messen, benötigen wir eine Uhr. Beim Bau von Uhren wird ein gleichmäßiger Gang und eine möglichst kleinteilige Zeitskala angestrebt. Bei der herkömmlichen Uhr steht das runde Zifferblatt für einen Ausschnitt aus der endlosen Zeitskala, der gleichmäßig laufende Zeiger zeigt die jeweilige Gegenwart an. Wie schnell der Zeiger laufen muss, hängt von der Skalierung (Einteilung) des Zifferblatts ab. Um die Dauer zwischen zwei Ereignissen zu messen, notieren wir den Zeigerstand, wenn das erste Ereignis real gegenwärtig ist. Sobald das zweite Ereignis in die reale Gegenwart tritt, können wir am Zeigerstand auf der Skala die Dauer zwischen den beiden Ereignissen ablesen. Eine Dauer kann mit einer Uhr nicht rückwärts in die Vergangenheit gemessen werden, sondern nur von der Gegenwart zu einer neuen Gegenwart.

7. Nicht die Zeit ist relativ, sondern relativ sind die Messergebnisse, die wir von ungleichmäßig gehenden Uhren ablesen. Diesen Sachverhalt hat Isaac Newton schon 1687 erklärt. Die Zeit ist ein festes Maß, das wir beim Bau von Uhren durch gleichmäßigen Gang anstreben. Die Relativitätstheorie macht die Zeit vom Gang der Uhren abhängig. Doch wenn die Uhr ungleichmäßig geht, so korrigieren wir nicht die Zeit, sondern wir versuchen die Uhr zu verbessern. Vom Gang der Uhr, also von der Genauigkeit des Messwerkzeugs, hängt das gemessene Ergebnis für eine Dauer ab. Weil kaum jemand eine genaue Vorstellung davon hat, was Zeit ist, wird die willkürliche mathematische Verformung des Zeitmaßes bis heute für eine neue Erkenntnis über die Natur gehalten.


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