Donnerstag, 25. Mai 2017

Was ist der Raum? Ein vorläufiger Entwurf

In Anlehnung an die Theorie der Zeit, die auf dem Zusammenwirken von Verstand und Außenwelt beruht, entsteht eine Theorie des Raumes. Die drei geradlinigen Raumdimensionen bilden eine gedachte Struktur, die dazu dient, die Dinge räumlich einzuordnen. Auf diese Weise finden wir uns in der Außenwelt zurecht. Drei geradlinige Raumdimensionen, das ist die einfachste Form des Raumes, und mehr ist nicht notwendig, um jeden Punkt im Raum eindeutig zu definieren. Durch den Fortschritt der Mathematik wurden gekrümmte Dimensionen eingeführt, die beispielsweise zur Beschreibung einer Kugeloberfläche zweckmäßiger als gerade Dimensionen sind.

So wie es außerhalb des Verstandes keine Zeit gibt, gibt es außerhalb des Verstandes auch keinen Raum. In der Außenwelt gibt es die Dinge, der Raum aber ist eine gedachte Struktur.

Wem dieser Gedanke befremdlich erscheint, der möge sich daran erinnern, dass die Vorstellung Isaac Newtons von einem Raum, der wie ein Ding in der Außenwelt existiert, schon vor über 100 Jahren aufgegeben wurde. Die theoretische Physik hat sich dafür entschieden, dass Raum und Zeit nur Relationen zwischen den Dingen sind. Das heißt, nur die Dinge existieren, Raum und Zeit bestehen in Beziehungen zwischen Dingen, nämlich in Größenverhältnissen, Abständen, Dauer von Veränderungen. Den nächsten Schritt, wonach Raum und Zeit ausschließlich Verstandeskategorien sind, wird die Wissenschaft nicht leicht bewältigen. Wo es nichts zu beobachten, zu messen, zu experimentieren und zu berechnen gibt, sondern wo es ausschließlich auf die richtigen gedanklichen Grundlagen ankommt, wehrt sich die Wissenschaft gegen den Fortschritt und hält an dem fest, was man für richtig und erwiesen hält. Die theoretische Physik muss neu geschrieben werden, und dagegen wehrt sie sich.

Physikalisch sind wir nicht von Raum umgeben, sondern von den Dingen. Erst der Verstand schafft den Raum. Mit Hilfe der uns infolge der Evolution angeborenen Vorstellung von drei geradlinigen Raumdimensionen ordnen wir die Dinge räumlich ein und finden uns dadurch in der Außenwelt zurecht. Doch so wenig wie die Zeit ist uns der Raum als angeborene Verstandeskategorie bewusst. Aus diesem Grund neigen wir von Natur aus dazu,  den Raum außerhalb des Verstandes in der Welt zu vermuten, so wie es auch Isaac Newton getan hat. Anders als Newton hat G.W. Leibniz Raum und Zeit als Relationen zwischen den Dingen und damit als Eigenschaften der Welt aufgefasst. Dass Raum und Zeit ausschließlich geistige Dimensionen sind, dieser epochale Gedanke von Immanuel Kant wird durch die Naturwissenschaft bisher zurückgewiesen. Doch die evolutionäre Erkenntnistheorie kann die Begründung dafür liefern, dass Raum und Zeit nicht Teile oder Eigenschaften der Welt, sondern gedachte Ordnungsstrukturen sind.

Der gedachte, mathematische Raum kennt seiner Natur nach nicht oben und unten, nicht Nord und Süd, und er kennt keinen festen Bezugspunkt für Bewegung. Daher ist Bewegung relativ. Nur durch Konvention (Übereinkunft) wird oben, unten oder ein Bezugspunkt festgelegt. Als Bewohner der Erde sind wir uns seit jeher einig darüber, dass "unten" da ist, wohin die Schwerkraft wirkt. Wir sind uns außerdem im Alltag einig, Bewegung und Geschwindigkeit auf die Erdoberfläche zu beziehen. Ohne Bezugssystem sind Bewegung (im Sinne von Ortsveränderung) und Geschwindigkeit relativ. Blicken wir über die Erde hinaus, so kann nur durch Konvention unten und oben, Nord und Süd oder ein Bezugspunkt festgelegt werden.

Das sprachliche Problem:
Wenn es den Raum nur im Verstand gibt, wie soll man den "Raum" zwischen den Dingen bezeichnen? Sollte man dabei von Raumrelationen sprechen, um die es sich ja tatsächlich handelt? Oder soll man zwischen dem wahren, mathematischen Raum und andererseits dem physikalischen Raum unterscheiden, wobei letzterer in Relationen zwischen den Dingen besteht? (Wobei dies ein Vorwand für die Physik wäre, alles beim alten zu lassen nach dem Motto: Glaubt ihr Philosophen doch an euren wahren Raum, wir Physiker als die wahren Experten sind zuständig für den physikalischen Raum). Eine weitere Möglichkeit wäre, zwischen wahrem und relationalem Raum zu unterscheiden. Dies alles widerspricht den herkömmlichen Denk- und Sprachgewohnheiten und gibt Anlass zu Missverständnissen.

Kommentare:

  1. Sehr schön. Jemand, der nicht auf die vorerkenntistheoretische Spielerei hereinfällt, aus Vorgängen in der Zeit auf ihre Beschaffenheit zu schließen, aus dem Geschehen im Film auf die Beschaffenheit der Leinwand, ja d es Auges. Um 1900 ging es darum, vom Kulminationspunkt der Erkenntnistheorie im Werk Schopenhauers, der Übersetzung Kants ins Verständliche, durch Geschrei abzulenken. In der Philosophie plusterte Nietzsche sich auf, für die auf ihren Platz verwiesenen Wissenschaft versuchte es die Relativitätstheorie. Wissenschaftler denken nicht, sie gucken. Hier Aufklärung zu versuchen: Respekt. Es bleibt bei der Vierfachen Wurzel vom zureichenden Grund. In der Welt als Wille und Vorstellung ist ausführlicher auf den Unfug der "Wechselwirkung" eingegangen worden.

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  2. 1. Sehr geehrter Herr Wachowski, der von Ihnen zu recht gelobte Schopenhauer steht auf dem Boden von Kants Idealismus. Damit besteht dasselbe Problem wie bei Kant, nämlich der fehlende Zusammenhang zwischen den Vorstellungen im Verstand und andrerseits der realen Außenwelt (deren Existenz Kant nicht bestritten hat). Schopenhauer unterscheidet zwar zwischen Subjekt und Objekt, aber beide sind Teile des Bewusstseins. Über das Ding an sich wissen wir nichts.
    2. Nach Schopenhauer führt das Nacheinander der Veränderungen zur Vorstellung von Zeit, das Nebeneinander der Dinge führt zur Vorstellung von Raum. Meines Erachtens folgt daraus, dass Zeit und Raum in den Relationen zwischen den Dingen bestehen, was ich bestreite.
    3. Ihren Kommentar finde ich sehr interessant. Doch wenn man Naturwissenschaftler ohne Erläuterung mit der Aussage konfrontiert, dass sie nicht denken, so erreicht man nur, dass die sich kopfschüttelnd abwenden. Die Aussage stimmt, und sie wird fast wörtlich bestätigt u.a. durch Heidegger, aber sie muss in die Alltagssprache übersetzt werden. Nämlich: Beobachten, Messen, Experimentieren, Rechnen und die damit verbundene, zuweilen höchst anspruchsvolle Denkarbeit der Wissenschaftler ist kein Denken im philosophischen Sinne.

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