Sonntag, 10. November 2013

Zur historischen Entwicklung des Zeitbegriffs

(1) Aristoteles (384 - 322 v.Chr.) gilt als Begründer der Tradition, die Zeit rational zu erklären. Er definiert Zeit als die Zahl bzw. das Maß der Bewegung nach dem Früher oder Später. Damit kommt er einem modernen Zeitverständnis sehr nahe. Dagegen betont der oft zitierte Augustinus (354 - 430) das Rätselhafte der Zeit.

(2) Die herkömmliche Philosophie seit dem 17. Jahrhundert beantwortet die Frage nach dem Wesen der Zeit zunächst in zwei unterschiedliche Richtungen. Nach Isaac Newton (1642 - 1727) existieren Zeit und Raum in der gleichen Weise wie andere Dinge. Die unabhängig von allen Dingen gleichmäßig verlaufende Zeit ist ebenso absolut wie der Raum, in dem sich die Dinge befinden. "Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf äußere Gegenstände." (Newton). Diese Auffassung wird als Substantialismus bezeichnet, weil Zeit und Raum "Substanzen" sind, d. h. Dinge, die unabhängig von anderen Dingen existieren. Raum und Zeit sind eigenständig seiende Dinge. Gäbe es nicht die Dinge, die im Raum vorhanden sind und zeitlich existieren, so gäbe es immer noch Raum und Zeit. Dies ist der Kern von Newtons Auffassung der Zeit.

(3) Die Gegenposition zu Newton vertritt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716). Für ihn sind Zeit und Raum keine realen Dinge, sondern Ordnungssysteme, durch welche die Relationen zwischen den Dingen dargestellt werden, d. h. die zeitlichen und räumlichen Abstände. "Der Raum ist die Ordnung gleichzeitig existierender Dinge, wie die Zeit die Ordnung des Aufeinanderfolgenden." (Leibniz). Diese Auffassung wird als Relationismus bezeichnet. Die Relationen Zeit und Raum existieren nicht eigenständig, sondern sie bestehen in den Beziehungen zwischen den Dingen. Der Relationismus bestreitet den Substantialismus und schließt, weil es keinen absoluten Raum gibt, auf die Relativität von Bewegung.

(4) Nach Immanuel Kant (1724 - 1804) sind Zeit und Raum angeborene Denkkategorien. Unser Denken und Erkennen erfolgt in bestimmten Formen, zu denen vor allem Raum und Zeit gehören. Dadurch wird nachvollziehbar, warum Newton die Zeit für etwas so selbstverständliches hielt, dass man sie eigentlich gar nicht erklären müsse. Kant erörtert in seiner "Kritik der reinen Vernunft" die Auffassungen von Newton und Leibniz und lehnt beide ab. Zeit und Raum sind weder eigenständige Dinge (Newton), noch sind sie Eigenschaften von Dingen (Leibniz). Sie sind uns als Ordnungsinstrumente menschlicher Erkenntnis angeboren.

Kant lehrte, dass die Erfahrungserkenntnis durch innere Formen unseres Verstandes bedingt wird, welche der Erfahrung vorausgehen. Ohne diese a priori gegebenen Verstandeskategorien (insbesondere die Begriffe von Zeit, Raum, Zahl) ist überhaupt keine Aussage über Objekte möglich. Die angeborenen Denkkategorien gehen jeder Erkenntnis und Wissenschaft voraus und können daher nicht von der Wissenschaft nach Gutdünken definiert werden.

Mit Leibniz stimmt Kant darin überein, dass Raum und Zeit keine realen Dinge, sondern Ordnungsstrukturen sind. Mit Newton stimmt Kant darin überein, dass Raum und Zeit keine Eigenschaften von Dingen sind. Kant konnte nach dem damaligen Stand der Wissenschaft nicht erklären, warum wir uns mit den angeborenen Denkkategorien in der Wirklichkeit zurechtfinden.

(5) Der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838 - 1916) ist als einer der geistigen Stammväter der Relativitätstheorie zu nennen, auch wenn er die Theorie Einsteins zeitlebens abgelehnt haben soll. Nach seiner positivistischen Auffassung konnte Zeit ausschließlich etwas sein, was man beobachten und messen kann. Daher vertrat er den Relationismus von Leibniz. Die Uhren damals gingen nicht hinreichend gleichmäßig, um die absolute Zeit zu messen.  Außerdem betrachtete er die absolute Zeit als metaphysische Idee, weshalb er ihre Entfernung aus der Physik verlangte. Der junge Einstein betrachtete Ernst Mach als sein philosophisches Vorbild, und in der speziellen Relativitätstheorie wendet er konsequent dessen erkenntnistheoretische Grundsätze an.

(6) Albert Einstein (1879 - 1955) entwickelte auf der Grundlage des Relationismus sowie der sensualistischen Erkenntnistheorie von Ernst Mach eine mathematisch-physikalische Theorie der relativen Zeit (1905), welche allerdings mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Einstein definiert als grundlegende Voraussetzung seiner Theorie die Gleichzeitigkeit als abhängig von Sinneseindrücken, wodurch Gleichzeitigkeit und Zeit relativ sind. Er definiert außerdem Zeit als abhängig vom Gang von Uhren, wodurch Zeit ein weiteres mal relativ wird, weil Uhren ungleichmäßig gehen. Er versteht - jedenfalls im Jahre 1905 - im Sinne von Ernst Mach die Beobachtung als unsere einzige Wirklichkeit, wodurch es zu der Aussage kommt, dass die bewegte Uhr nicht scheinbar, sondern wirklich nachgeht.

Bereits in der klassischen Physik Newtons gibt es den Begriff der relativen Zeit. Im Gegensatz zur wahren, absoluten Zeit ist dies die mit Uhren gemessene Zeit. Newtons Hoffnung, dass der wissenschaftliche und technische Fortschritt immer genauer gehende Uhren ermöglichen werde, so dass schließlich der gleichmäßige Verlauf der absoluten Zeit durch Uhren darstellbar wäre, hat sich durch die Atomuhren praktisch erfüllt. Moderne Atomuhren weichen theoretisch in einer Million Jahren nur um eine Sekunde vom gleichmäßigen Gang ab.

(7) Der Mathematiker Hermann Minkowski (1864 - 1909) ist der Erfinder der vierdimensionalen Raumzeit. Allerdings war mit dem Konzept, die Effekte nach der Relativitätstheorie in Raum-Zeit-Diagrammen darzustellen, von Beginn an die weder philosophisch noch physikalisch begründete Idee der Identität und gegenseitigen Austauschbarkeit von Raum und Zeit verbunden. Aus der geometrischen Darstellung  der Relativitätseffekte wurde gefolgert, dass die Raumzeit eine mathematisches Abbild der Wirklichkeit sei.

(8) Weil der Begriff  "Zeit" auch historische, kulturelle, psychologische und soziologische Bedeutungsinhalte hat, erweiterte sich insbesondere im 20. Jahrhundert das Feld der Zeitphilosophie. Doch setzen diese Philosophien eine wie auch immer geartete Vorstellung von naturgegebener Zeit bereits voraus. Weil unser Dasein zeitlich verläuft und von begrenzter Dauer ist, erhält die Zeit in der Lebens- und Existenzphilosophie eine zentrale Bedeutung. Die gegenwärtige Zeitphilosophie unterscheidet meist zwischen subjektiver Zeit (Zeiterlebnis, Zeitempfinden) und objektiver Zeit (physikalische Zeit).

(Veröffentlicht am 6. März 2011, durchgesehen am 8. März 2015)

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